Können Schulungen zur Suizidprävention Leben retten? Eine Online-Umfrage zur Relevanz onkologischer Suizidpräventionsschulung
Krebspatient:innen haben ein erhöhtes Suizidrisiko – und trotzdem wird Suizidalität im Klinikalltag oft nicht ausreichend erfragt. Das Projekt TASC der Universitätsmedizin Mainz untersucht, inwiefern Schulungen wichtig sind, um Suizide langfristig senken zu können und für wen eine gezielte Schulung in der Onkologie dringend notwendig ist.
Menschen mit Krebs sind durch ihre Erkrankung und die Behandlung nicht nur körperlich, sondern auch psychisch belastet. Auch das Suizidrisiko für Krebspatient:innen ist erhöht. Dennoch wird das Thema selten von Behandelnden angesprochen, obwohl Leitlinien und Expert:innen genau das empfehlen. Das zeigt: Auch unter Behandelnden ist Suizidalität nach wie vor ein Tabuthema. So halten sich Mythen über Suizidalität hartnäckig – auch wenn sie eigentlich längst widerlegt sind. Eine davon ist, dass eine Frage nach Suizidalität die Krise der Betroffenen verschlimmert. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall: Ein Gespräch darüber kann Betroffene entlasten und Leben retten!
Daher haben wir uns gefragt, wie wir diesen Mythen entgegenwirken. Dafür haben wir über 200 Fachpersonen befragt – darunter Psycholog:innen, Ärzt:innen, Sozialarbeiter:innen, Pflegefachpersonen und Psychoonkolog:innen – Personen, die auf die psychologische Betreuung von Krebspatient:innen spezialisiert sind. Die Umfrage fand im Rahmen des Projekts TASC („Together against suicidal ideation and behavior in cancer patients“) statt, das von der Deutschen Krebshilfe gefördert wird. Wir haben untersucht, wie Behandelnde mit suizidalen Krebspatient:innen umgehen. Außerdem wurde erfasst, wie groß der Wunsch nach Schulungsprogrammen ist, die helfen, suizidpräventives Verhalten und hilfreichere Einstellungen in der klinischen Praxis zu fördern (Granek et al., 2019; Schwinn et al., 2025). Mit Hilfe der Befragung konnten drei zentrale Fragestellungen beantwortet werden:
1. Wer sollte an einer Schulung zur Suizidprävention teilnehmen?
In unserer Untersuchung spielt es kaum eine Rolle, wie alt jemand ist, welches Geschlecht die Person hat oder wie lange sie bereits in ihrem Beruf arbeitet. Entscheidend ist vielmehr, zu welcher Berufsgruppe jemand gehört: Psycholog:innen fühlten sich sicherer und besser vorbereitetet mit suizidalen Krebspatient:innen umzugehen als Pflegefachpersonen. Sie berichteten seltener überfordert zu sein, häufiger an Schulungen teilgenommen zu haben und aktiv nach Suizidalität zu fragen. Ebenso gaben dies Sozialarbeiter:innen und Ärzt:innen an, was sich auch mit den Ergebnissen früherer Studien deckt (Senf et al., 2020).
Für Krebspatient:innen bedeutet das, nicht angemessen versorgt zu sein. Psycholog:innen werden meist erst hinzugezogen, nachdem eine starke Belastung sichtbar wurde. Daher haben Pflegefachpersonen eine besonders wichtige Rolle – sie sind nah an den Patient:innen und haben oft einen engen und vertrauten Kontakt. Diese Berufsgruppe sollte daher wesentlich gestärkt werden. Das empfehlen auch Leilinien: Alle Berufsgruppen, die mit Krebspatient:innen arbeiten, sollten aktiv und routinemäßig Suizidalität erfragen.
Unsere Ergebnisse zeigen aber auch: Selbstbewusst zu sein, heißt nicht automatisch, dass jemand in der Praxis richtig handelt. Das unterstreicht, wie wichtig es ist, alle Berufsgruppen in Schulungen zur Suizidprävention einzubeziehen – auch diejenigen, die selbst ihre Wissenslücken nicht wahrnehmen.
2. Welche Verhaltensänderungen sollten Schulungen bewirken?
Wir können feststellen: Wer schon einmal eine Schulung besucht hat, fragt häufiger und aktiv nach Suizidalität. Dieser positive Effekt entsteht vor allem, weil Schulungen mehr Wissen vermitteln und Sicherheit im Umgang mit diesem Thema geben.
Allerdings gibt es auch Personen, die sich in solchen Situationen zwar selbstsicher fühlen, aber trotzdem nicht nach Suizidalität fragen – also nicht so handeln, wie es empfohlen wird. Das zeigt: Um zu prüfen, ob Schulungen hilfreich und erfolgreich sind, reicht es nicht, nur zu fragen, wie sicher oder kompetent sich jemand fühlt. Wichtig ist ebenso, ob die Inhalte der Schulungen im Berufsalltag tatsächlich auch angewendet werden.
3. Welche Inhalte und Formate sollten Suizidpräventionsschulungen umfassen?
Viele Behandelnde in unserer Untersuchung wünschten sich mehr oder zusätzliche Schulungen, obwohl einige bereits an solchen teilgenommen hatten. Das deutet darauf hin, wie engagiert sie sind, aber auch, wie herausfordernd ihre tägliche Arbeit ist. Besonders beliebt wäre ein freiwilliges Blended-Learning Format für alle Berufsgruppen – also eine Mischung aus Online- und Präsenzlernen. Gewünscht wurden dabei abwechslungsreiche Methoden wie Vorträge, Rollenspiele und echte Fallbeispiele.
Inhaltlich wünschten sich die Behandelnden insbesondere praxisnahe Themen (Wie führe ich ein solches Gespräch? Woran erkenne ich Suizidalität und wie kann ich diese einschätzen? Wie gehe ich konkret vor, wenn jemand Suizidalität äußert?). Der Fokus sollte also nicht nur auf Theorie und bloßer Wissensvermittlung liegen, sondern auf praktischem Üben, Erfahrungen und handlungsorientiertem Lernen.
Unser Fazit lautet daher: Behandelnde, die in der Onkologie arbeiten, brauchen praxisnahe Schulungen, damit sie Suizidalität sicher und aktiv ansprechen und Betroffene die Hilfe bekommen, die sie brauchen.
Literaturverzeichnis
Granek, L., Nakash, O., Ariad, S., Shapira, S., & Ben-David, M. (2019). Strategies and barriers in addressing mental health and suicidality in patients with cancer. Oncol Nurs Forum, 46(5), 561-571. https://doi.org/10.1188/19.ONF.561-571
Schwinn, T., Hirschmiller, J., Wiltink, J., Zwerenz, R., Brahler, E., Beutel, M. E., & Ernst, M. (2025). Practitioners' perspective: a mixed-methods study on dealing with suicidality from the perspective of oncological healthcare professionals. J Cancer Res Clin Oncol, 151(2), 54. https://doi.org/10.1007/s00432-025-06106-z
Senf, B., Maiwurm, P., & Fettel, J. (2020). Exposure to suicidality in professionals working with oncology patients: An online survey. Psychooncology, 29(10), 1620-1629. https://doi.org/10.1002/pon.5479
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