Hass im Netz - Hass im Herzen? Die Wirkung rechtsextremistischer und islamistisch-extremistischer ONLINE PropagandaVIDEOS und mögliche Gegenangebote im Netz

Bei der Inszenierung dieser Grunderzählung greifen RechtsextremistInnen und islamistische ExtremistInnen auf ähnliche Mittel zurück, wie sie auch in anderen Medienangeboten genutzt werden. Durch die gefühlsbetonte Darstellung von Frauen und Kindern soll beispielsweise Mitleid geweckt werden – ebenso wie in humanitären Kampagnen (von Engelhardt, 2015).

Eine vergleichende Inhaltsanalyse extremistischer Propagandavideos von Rieger et al. (2013) zeigte, dass PropagandistInnen eine Vielzahl verschiedener Genres anbieten: Von vortragsartigen Talking Heads über pseudo-dokumentarische Reality Clips bis hin zu hollywoodreifen Movie Clips und – selten – Extreme Clips mit offenen Aufrufen zu Gewalt ist alles dabei. Gewalt wird oft damit gerechtfertigt, dass die „Anderen“ als „wilde Tiere“ bezeichnet werden, ihnen wird also die Menschlichkeit abgesprochen (siehe auch Siem, Mazziotta, Barbarino, & Rohmann, 2017). Sowohl von Al-Qaeda (Rieger et al., 2013) als auch unter dem Hashtag #raperefugees bzw. #rapefugees wird zum Beispiel die „Verteidigung“ gegen die (sexuellen) „Übergriffe“ dieser „Bestien“ auf „unsere Frauen“ gefordert.

Nicht immer ist der Aufruf zu Gewalt in extremistischer Propaganda direkt erkennbar: Oft wird versucht, über eine „Wolf-im-Schafspelz-Strategie“ diejenigen zu erreichen, die Gewalt ablehnend gegenüberstehen, also die „extremismusfernen Massen“  (Neumann & Baugut, 2017). Sogar der selbsterklärte „Islamische Staat“ („IS“ oder auch „daesh“), der häufig vor allem wegen seiner Gewaltexzesse thematisiert wird, verbreitete im Sommer 2015 vor allem Botschaften, in der das „Kalifat“ in rosigen Farben gemalt wurde als ein Ort, an dem sogar der Umweltschutz gedeihe (Winter, 2015).

Und wie wirkt extremistische Propaganda im Netz?

Zu der Frage, wie genau extremistische Propaganda wirkt, gibt es noch sehr wenige experimentelle Studien. In einem ersten Ansatz untersuchten Rieger et al. (2013) in zwei computergestützten Laborstudien, wie junge Männer[3] rechtsextremistische und islamistisch-extremistische Propagandavideos wahrnahmen und welche Gefühle und Gedanken diese Videos auslösten.

Basierend auf sicherheitsbehördlichen Vermutungen zum Einfluss bestimmter demografischer Merkmale (z. B. Bildung, Migrationshintergrund) wurden Studierende und Auszubildende mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund und mit unterschiedlicher Religionszugehörigkeit befragt (für Details siehe Rieger et al., 2013). Alle Teilnehmer hatten moderate politische und religiöse Ansichten und lehnten Gewalt eher ab, können also als extremismusfern bezeichnet werden.

Die Ergebnisse zeigen, dass Propaganda bei diesem Publikum vor allem auf Ablehnung stieß (und zwar unabhängig vom kulturellen Hintergrund und der Religionszugehörigkeit der Teilnehmer). Es gab aber Eigenschaften der Propagandavideos und der Zuschauer, die beeinflussten, wie stark diese Ablehnung im Einzelnen ausfiel. Unterhaltsame Videos Movie Clips wurden zum Beispiel überzeugender wahrgenommen als die als langweilig bewerteten Talking Heads oder die eher gewalthaltigen Extreme Clips.

Außerdem spielte es eine Rolle, auf welche kollektive Identität sich die extremistische Propaganda berief. Kollektive Identität bezeichnet in diesem Zusammenhang die nationale oder religiöse Gruppe, die von den Extremisten als Eigengruppe dargestellt wird. Bei Rechtsextremisten ist diese kollektive Identität national oder ethnisch bestimmt, etwa „die Deutschen“ oder „die Weißen“. Bei islamistischen Extremisten ist diese kollektive Identität religiös definiert, es geht um die „Muslime“.

Dadurch, dass Teilnehmer mit und ohne Migrationshintergrund und mit unterschiedlichen Religionszugehörigkeiten teilnahmen, sprachen die Videos sie also entweder als Eigengruppenmitglied an oder nicht. Natürlich sehen die meisten Deutschen und Muslime sich nicht als Teil derselben Gruppe wie Extremisten (Rieger et al., 2013), die Reaktionen unterschieden sich aber je nachdem, ob die Zuschauer die angesprochene kollektive Identität teilten, also die Propaganda ihre Eigengruppe ansprach, oder ob sie diese Identität nicht teilten, weil eine Fremdgruppe angesprochen wurde.

Wie genau dieser Unterschied aussah, wurde vom Bildungsstand der Teilnehmer beeinflusst: Studierende reagierten besonders negativ auf extremistische Propaganda mit Eigengruppenbezug, wohingegen Auszubildende positiver auf Propaganda mit Eigengengruppenbezug reagierten. Eine höhere Bildung scheint also die Ablehnung von Propaganda zu unterstützen.

Daraus zu schließen, dass mehr Bildung die Wirkung von Propaganda verhindert, wäre aber zu kurz gegriffen: Studierende und Auszubildende können sehr unterschiedliche Einstellungen haben. Menschen bevorzugen Inhalte, die zu ihren Einstellungen passen (Fischer & Greitemeyer, 2010). Das gilt auch für Propagandavideos.

Eine Einstellung, die besonders gut zu den Inhalten von Propagandavideos passt, ist die Einstellung gegenüberüber Autoritäten, der Autoritarismus. Autoritarismus beschreibt die generelle Bereitschaft, sich Autoritäten unterzuordnen, Konventionen zu bewahren und diejenigen zu bestrafen, die Autoritäten hinterfragen oder die Konventionen ändern wollen. Autoritarismus geht mit mehr Vorurteilen „den Anderen“ gegenüber einher (Cohrs & Stellmacher, 2014). Genau diese Einstellungen werden auch in extremistischer Propaganda beworben, etwa die Unterordnung unter eine autoritäre Führung, konventionelle Rollenbilder oder die Ablehnung der Anderen. Je autoritaristischer die Einstellungen der Zuschauer waren, desto mehr Interesse weckten auch die Propagandavideos (s. auch Frischlich et al., 2015).

Schließlich gibt es auch Situationen, in denen selbst die – an sich wenig autoritaristischen – Studierenden Propaganda positiver begegnen. Nämlich dann, wenn sie unter existenziellen Ängsten leiden. Existenzielle Ängste, zum Beispiel das Erleben von Unsicherheit oder Gedanken an die eigene Sterblichkeit, können dazu führen, dass man ein besonderes Bedürfnis danach hat, die Eigengruppe in einem positiven Licht zu sehen, selbst wenn es sich bei den Eigengruppenmitgliedern um ExtremistInnen handelt (Jonas & Fritsche, 2013). Davon profitiert Propaganda: In einer Onlinestudie nahmen Studierende, bei denen existenzielle Ängste angeregt wurden, extremistische Propaganda als interessanter und überzeugender wahr als Studierende, bei denen diese Ängste nicht angeregt worden waren (Frischlich et al., 2015).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass rechtsextremistische und islamistisch-extremistische Propaganda eine ähnliche „Wir-gegen-Die“ Erzählung im Netz verbreitet und dabei bestimmte typische Stilmittel verwendet. Allen Befürchtungen zum Trotz reagieren extremismusferne junge Menschen auf Propagandavideos vor allem ablehnend. Diese Ablehnungsreaktion ist besonders ausgeprägt bei Personen mit höherem Bildungsgrad, die dieselbe Nationalität oder Religion wie die PropagandistInnen haben. Die Ablehnungsreaktion ist schwächer, wenn die Propaganda unterhaltsam ist, wenn die ZuschauerInnen Einstellungen haben, die zu den Inhalten der Videos passen, oder wenn sie existenziellen Ängsten ausgesetzt wurden.

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