„Willkommen in Deutschland“ – Motivationen der Flüchtlingshilfe und deren Folgen

Die neue deutsche Willkommenskultur prägte sich international in die Köpfe der Menschen ein: Im Herbst 2015 wurden Geflüchtete bei ihrer Ankunft in Deutschland mit Applaus begrüßt und beschenkt. Was jedoch waren die Gründe für diese Art der Flüchtlingshilfe? Moralische Wertvorstellungen, ein Ausgleich früherer Ungerechtigkeiten oder gar ein egoistischer Rausch am Helfen? Dieser Artikel berichtet von einer psychologischen Studie, die während der ersten Flüchtlingswellen die Motive der Personen untersuchte, die am Hauptbahnhof München die Ankommenden willkommen hießen.

Im Herbst 2015 zeigten die Deutschen ein ungewohntes Gesicht: Im Gegensatz zu abweisenden Reaktionen von Ländern entlang der sogenannten Balkanroute wurden Geflüchtete bei ihrer Ankunft in Deutschland mit Applaus begrüßt und beschenkt. Wichtige MeinungsmacherInnen – von PolitikerInnen zu Prominenten – forcierten sprachgewaltig die neue Willkommenskultur, um Konformität, also eine gerichtete Verhaltensänderung im Sinne einer Aktivierung zur Flüchtlingshilfe, zu bewirken. PsychologInnen und JournalistInnen spekulierten in der Folge über die Gründe dieser neuen Willkommenskultur. Während die „Zeit“ von einer Revolution zum Schutz der Spezies schrieb, also einer moralischen Intuition als wichtigsten Einflussfaktor, bezeichnete „Die Welt“ die Hilfeleistungen als einen Rausch an der Willkommenskultur und erklärte die vordergründig prosozialen Handlungen mit Begriffen wie Selbstbezogenheit und unangemessenem Selbstlob. Basierend auf der Theorie der Ungerechtigkeitssensibilität (Schmitt et al., 2009) wurde in psychologischen Fachgruppen auch über eine Art Ungerechtigkeitsausgleich spekuliert, durch den die Helfenden umstrittene politische Entscheidungen wie die in der kürzlich bewältigten Griechenlandkrise kompensieren wollten. Die psychologische Motivation der Willkommenheißenden blieb umstritten und heiß diskutiert.

Studie zur Willkommenskultur am Münchner Hauptbahnhof

Abbildung 1: Durchführung einer Studie am Münchner Hauptbahnhof. Urheber: motointermedia via Pixabay (https://pixabay.com/de/zug-bahn-gleis-bahnhof-eisenbahn-944395/), CC0 (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de) Um diesen Spekulationen empirisch nachzugehen, wurden Ende September bis Anfang Oktober 2015 Personen befragt, die am Hauptbahnhof München Geflüchtete willkommen hießen. Ihre Antworten wurden mit denen von nicht-helfenden, zufällig ausgewählten Passanten, verglichen. Die beiden Personengruppen waren vergleichbar, was Alter, Geschlecht, Nationalität und Beruf betrifft: Sie waren durchschnittlich Ende 20 bis Mitte 30 Jahre alt, in der Mehrzahl weiblich und deutsch und teilten sich etwa zur Hälfte in Studierende und Berufstätige. Der Kurzfragebogen, der den Versuchspersonen vorgelegt wurde, erfragte mithilfe verschiedener Items deren Zustimmung zu konkreten Aussagen im Hinblick auf die Flüchtlingshilfe und deren Einstellung zu Geflüchteten generell.

Die Ergebnisse zeigten, dass sich Helfende und Nicht-Helfende in ihrem Wunsch nach einem Ungerechtigkeitsausgleich nicht unterschieden. Die Antworten der Versuchspersonen machten deutlich: Weder die zur damaligen Zeit prominenten rechtsradikalen Ausschreitungen in Niedersachsen, noch die Geschehnisse im Rahmen der Griechenlandkrise, noch die in den Medien vermittelten Ungerechtigkeiten beim Umgang mit Geflüchteten in Ungarn motivierten die WillkommenheißerInnen in besonderem Maße mehr als die Nicht-Helfenden. Ebenso wenig ergaben sich Hinweise für einen „Rausch“ am Helfen: Die Helfenden zeigten keine höhere Erregung, keine positivere Stimmung, nicht einmal ein höheres Dominanzempfinden als die Nicht-Helfenden. Auch andere selbstbezogene Motive, wie ein gutes Gefühl durch die geleistete Hilfe, der persönliche Kontakt mit Menschen – Geflüchteten wie Mithelfenden – oder der Wunsch, ein Zeichen für München setzen zu wollen, waren bei den WillkommenheißerInnen nicht in besonderem Maße präsent. Auch in ihrer Empathie mit den Geflüchteten divergierten die beiden Gruppen nicht. Helfende und Nicht-Helfende unterschieden sich jedoch signifikant in folgendem Punkt voneinander: Während sich die WillkommenheißerInnen zur Flüchtlingshilfe insbesondere moralisch verpflichtet sahen, sprach aus  Sicht der Nicht-HelferInnenAbbildung 2: Willkommen in Deutschland – was motivierte die WillkommenheißerInnen? Urheber: bykst via Pixabay (https://pixabay.com/de/zaun-schild-fl%C3%BCchtlinge-willkommen-978138/), CC0 (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de) für die Flüchtlingshilfe vor allem die Meinung Prominenter, wie die zur damaligen Zeit für die Unterstützung Geflüchteter aktiven Moderatoren Joko und Klaas oder der Schlauspieler Til Schweiger.

Ergebnisse der Studie zu den Motiven der Flüchtlingshilfe

Die von den Medien häufig als egoistisch dargestellte Willkommenskultur zeigte sich empirisch betrachtet demnach nicht als solche: Eigennützige Motive wie angenehme Gefühle durch das Helfen, der Wunsch, andere Ungerechtigkeiten auszugleichen, oder persönliche Kontakte mit anderen Helfenden oder den Geflüchteten im Sinne von Modell- oder Belohnungslernen spielten keine Rolle beim Hilfeverhalten. Im Gegenteil: Moral, unser System von Regeln, das das Leben in Gruppen erleichtert und koordiniert, zeigte sich als einziges Erklärungsmodell, das die Helfenden von den Nicht-Helfenden unterschied.

Für die WillkommenheißerInnen war die Flüchtlingshilfe somit kein Mittel zum Zweck, sondern entsprang, wie die „Zeit“ spekulierte, tatsächlich dem Bedürfnis „zum Schutz der Spezies“. Die Sensitivität, für die Gesellschaft aktiv werden zu müssen, wurde möglicherweise durch die spezielle Konstellation im Herbst 2015 erhöht: Zum einen kamen nicht nur einzelne Geflüchtete, sondern Menschenmassen am Hauptbahnhof München an, zum anderen schienen die staatlichen Institutionen überfordert. Diese Begebenheiten vergrößerten unter Umständen den Wunsch der Helfenden, das Aufrechterhalten von Demokratie, Menschenwürde und Respekt selbst in die Hand zu nehmen. Die Migrationsforscher Serhat Karakayali und Olaf Kleist (2015) untersuchten schon 2014 vor der Flüchtlingskrise und der neu entstandenen Willkommenskultur die Motivationen von ehrenamtlicher Flüchtlingsarbeit. In ähnlicher Form zeigten sie damals schon als wichtiges Motiv der FlüchtlingshelferInnen den Wunsch, die Gesellschaft gestalten zu wollen.

Dagegen hoben sich in der aktuellen Studie die Nicht-Helfenden von den Helfenden ab, indem sie Motive zur Flüchtlingshilfe vor allem auf extrinsischer Basis sahen: Das heißt, ihre Meinung zur Unterstützung der Geflüchteten entsprang äußeren Einflüssen, nämlich einer Konformität mit der Meinung prominenter SprecherInnen.

Ergebnisse der Studie zum Einfluss der Hilfemotivation auf die Einstellung zu Geflüchteten

Neben der Suche nach der Motivation zur Flüchtlingshilfe untersuchte die Studie am Münchner Hauptbahnhof auch deren Einfluss auf die Befürchtungen im Zuge des Bevölkerungszuwachses. Die Nicht-Helfenden berichteten von einer signifikant höheren Angst vor Islamisierung als die Helfenden. Interessanterweise vermittelten die jeweiligen charakteristischen Motive diese Angst: Während die WillkommenheißerInnen aufgrund ihrer moralischen Verpflichtung zur Hilfe weniger Angst vor Islamisierung zeigten, entsprang die Angst der Nicht-HelferInnen primär aus ihrer extrinsisch motivierten Einstellung zur Flüchtlingshilfe.

Dieser Prozess ist erklärbar mit dem von Leon Festinger und James Carlsmith (1959) entdeckten Konzept der sogenannten „Forced Compliance“. Die beiden Forscher untersuchten die Frage, was passiert, wenn eine Person eine Meinung äußert, die ihrer privaten Meinung entgegensteht. Dazu baten sie ihre Versuchspersonen, ein monotones Experiment durchzuführen und dieses den nachfolgenden ProbandInnen als interessant zu präsentieren. Die Versuchspersonen erhielten für diese Präsentation entweder eine sehr hohe oder eine sehr geringe Bezahlung – 20 oder 1 Dollar. In ihrer legendären Studie fanden die beiden Forscher, dass sich die private Meinung ihrer Versuchspersonen nicht änderte, wenn es eine ausreichende externe Rechtfertigung – nämlich eine hohe Belohnung – gab, da in den Versuchspersonen keine kognitive Dissonanz entstand. Wenn jedoch keine ausreichende externe Rechtfertigung – nur eine geringe Belohnung für die augenscheinliche Lüge – vorlag, änderte sich die private Einstellung der Versuchspersonen in Richtung der Aussage in der Öffentlichkeit, um ein konsistentes Selbstbild zu bewahren.

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