„Zusammengepfercht wie die Tiere“ – Der Einfluss medialer Berichterstattung auf die Entmenschlichung von Geflüchteten

Wie beeinflusst die Medienberichterstattung Einstellungen in einer Aufnahmegesellschaft gegenüber Geflüchteten? Welche – oftmals auch nicht beabsichtigten Wirkungen – haben Tier-Vergleiche wie „auf engstem Raum zusammengepfercht“? Der Beitrag geht diesen Fragen nach und verdeutlicht, dass derartige Mediendarstellungen Entmenschlichung von Geflüchteten begünstigen können, einen Prozess, bei dem Mitgliedern einer Fremdgruppe weniger Menschlichkeit zugeschrieben wird als Mitgliedern der Eigengruppe. Weiterhin werden Folgen der Entmenschlichung von Geflüchteten aufgezeigt sowie Strategien für eine Medienberichterstattung diskutiert, die einer Entmenschlichung entgegenwirken kann.

Ein Foto zeigt mehrere Personen – Männer, Frauen und Kinder –, die beengt in einem Transporter sitzen und ihre Gesichter von der Kamera abwenden. Unter der Überschrift „Zusammengepfercht wie die Schweine“ berichtet der dazugehörige Artikel auf dem Online-Portal der Hamburger Morgenpost MOPO24 (2015) über einen von der Polizei angehaltenen Transporter, in dem mehr als 20 syrische Geflüchtete von Schleusern nach Deutschland gebracht wurden. Die BILD (2015) beschreibt unter der Überschrift „Flüchtlinge werden wie Tiere im Käfig gefüttert“ die Zustände in ungarischen Unterkünften für Geflüchtete. Aber nicht nur Boulevardmedien verwenden Tier-Vergleiche, wenn es um Berichte über Geflüchtete geht: Auch in der taz („Flüchtlinge wie Vieh behandelt“, Braun, 2013), der FAZ („Letzte Station Neuer Dschungel“, Wiegel, 2015) und einer Reihe weiterer Qualitätszeitungen finden sich ähnliche Überschriften (siehe Abbildung 1). Ein Ziel dieser Medienbeiträge ist es vermutlich, auf die extrem belastenden Bedingungen während der Flucht Abbildung 1: Überschriften in verschiedenen deutschsprachigen Zeitungen. © Birte Siemaufmerksam zu machen und Emotionen wie Mitgefühl mit den Geflüchteten oder auch Ärger und Empörung über ihre Behandlung zu erzeugen. Aber sind es wirklich in erster Linie Empfindungen wie Mitgefühl und Mitleid, die solche Überschriften oder Beschreibungen in uns auslösen? In diesem Beitrag zeigen wir anhand aktueller sozialpsychologischer Forschungsergebnisse auf, dass derartige Überschriften und Beschreibungen eine Reihe negativer Prozesse anstoßen können. Dies liegt daran, dass Geflüchtete durch einen Vergleich mit Tieren dehumanisiert werden können, d.h. ihnen ihre Menschlichkeit abgesprochen werden kann. Folgen einer solchen Dehumanisierung können negative Einstellungen von Mitgliedern der Aufnahmegesellschaft gegenüber Geflüchteten, die Ablehnung integrativer flüchtlingspolitischer Maßnahmen oder auch offene Aggression gegenüber Geflüchteten sein.

Was ist Dehumanisierung?

Dehumanisierung meint, dass man einer anderen Person oder einer anderen sozialen Gruppe ihre Menschlichkeit (gänzlich oder teilweise) abspricht (Haslam & Logan, 2014). In den Anfängen der Forschung zur Dehumanisierung wurde das Phänomen vor allem auf TäterInnen-Opfer-Beziehungen angewendet (Kelman, 1976): Indem TäterInnen den Opfern von Gewalt ihre Menschlichkeit absprechen, lassen sich Gräueltaten diesen gegenüber besser mit dem eigenen Gewissen vereinbaren und rechtfertigen. Ein eindrückliches Beispiel für diese Form der Dehumanisierung ist die Bezeichnung von Jüdinnen und Juden während des NS-Regimes als „Parasiten“ und „schädlicher Bazillus“. Dehumanisierung findet aber nicht nur in extremen Gewaltkontexten statt, sondern auch in alltäglichen Interaktionen. Wenn im Fußballstadion „afrikanische“ SpielerInnen mit Affenlauten „begrüßt“ werden oder Frauen zu Sexualobjekten degradiert werden, spricht man nach obiger Definition ebenso von Dehumanisierung.

Diesen „milderen“ Formen der Dehumanisierung werden neuere sozialpsychologische Ansätze gerecht, die zwischen zwei Formen der Dehumanisierung unterscheiden (Haslam & Logan, 2014). Die mechanistische Dehumanisierung beschreibt einen Prozess, bei dem Menschen durch das Absprechen von Eigenschaften wie Emotionalität, Vitalität und Wärme mit Maschinen, Automaten und leblosen Objekten gleichgemacht werden. Während diese Form der Dehumanisierung häufig in medizinischen Kontexten zu beobachten ist („PatientIn als Nummer“), ist die zweite Form, animalistische Dehumanisierung, für den Kontext von Flucht und Migration besonders relevant. Hierbei ist der Grundgedanke, dass es einzigartige menschliche Eigenschaften gibt, die uns von Tieren unterscheiden, wie unser kognitives Leistungsvermögen (z. B. unsere Erinnerungs-, Lern- oder Problemlösefähigkeiten), unsere Höflichkeit, unsere Kultiviertheit oder das Empfinden spezifischer Emotionen wie Stolz, Scham, Bewunderung oder Reue. Bei diesen Empfindungen handelt es sich um sogenannte sekundäre Emotionen. Primäre Emotionen (z. B. Freude, Wut oder Angst) werden unmittelbar und unkontrollierbar infolge eines Ereignisses erlebt, weisen eine starke biologische Basis auf und können auch von anderen Primaten erlebt werden. Sekundäre Emotionen hingegen sind länger anhaltende Gefühlszustände, die komplexer sind, weniger intensiv erlebt werden und zum Beispiel auch durch moralische Überlegungen beeinflusst werden (Leyens et al., 2001). Werden einer Gruppe von Menschen solche sekundären Emotionen abgesprochen, macht sie dies Tieren ähnlich.

Beide Formen der Dehumanisierung, die mechanistische und die animalistische, können auch als relativ verstanden werden: Um von Dehumanisierung zu sprechen, muss Personen oder sozialen Gruppen nicht unbedingt gänzlich ihre Menschlichkeit abgesprochen werden, sondern lediglich weniger Menschlichkeit zugesprochen werden als anderen Personen oder Gruppen. Dieser Gedanke ist zentraler Bestandteil des Infrahumanisierungsansatzes von Leyens und KollegInnen (2001), der auch als subtile Form der animalistischen Dehumanisierung verstanden werden kann. Ihrem Ansatz zufolge wird in vielen Fällen nicht eine völlige Gleichstellung einer anderen Person mit Tieren vorgenommen, sondern Menschen tendieren vielmehr dazu, Mitgliedern einer Fremdgruppe (z. B. „den Geflüchteten“) weniger Menschlichkeit – zum Beispiel weniger sekundäre (einzigartig menschliche) Emotionen – zuzusprechen als Mitgliedern ihrer sozialen Eigengruppe (z. B. „uns Deutschen“). Diese subtileren Formen der Dehumanisierung können auch völlig unbewusst (Goff, Eberhardt, Williams, & Jackson, 2008) und in Kontexten ohne Konflikten zwischen den Gruppen auftreten (Rohmann, Niedenthal, Brauer, Castano, & Leyens, 2009). Dehumanisierung kann sich also auf einem breiten Spektrum bewegen: Sie kann sehr offenkundig sein, indem beispielsweise absichtlich Tier-Vergleiche für die Beschreibung von Personen anderen ethnischen Hintergrunds verwendet werden; sie kann aber auch subtil sein und sich in der Zuschreibung weniger menschlicher Eigenschaften oder einer (unbewussten) gedanklichen Verbindung von Mitgliedern einer bestimmten Gruppe mit Tieren äußern. Sozialpsychologische Forschung zeigt, dass beide Formen der Dehumanisierung gegenüber Geflüchteten, MigrantInnen und Mitgliedern ethnischer Minderheiten existieren (offenkundig z. B. Kteily, Bruneau, Waytz, & Coterill, 2015; subtil z. B. Hodson & Costello, 2007).

An diesem Punkt mag sich die Frage stellen, ob Dehumanisierung nicht einfach als eine (sehr) negative Einstellung oder Antipathie gegenüber Mitgliedern einer Gruppe verstanden werden kann. Dass dem nicht so ist, lässt sich gut an der Forschung zum oben dargestellten Ansatz der Infrahumanisierung demonstrieren. Interessanterweise zeigen Studien, dass einer Fremdgruppe nicht nur weniger positive sekundäre Emotionen (z. B. Mitgefühl, Stolz) zugesprochen werden als einer Eigengruppe, sondern auch weniger negative (z. B. Resignation, Verwirrung; Leyens et al., 2001). Es geht bei Dehumanisierung also vor allem darum, den Mitgliedern der anderen Gruppe weniger Menschlichkeit zuzusprechen, auch wenn dies bedeutet, dass Mitglieder der Fremdgruppe positiver eingeschätzt werden als Mitglieder der Eigengruppe (z. B. weniger resigniert, weniger verwirrt).

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