Hass im Netz - Hass im Herzen? Die Wirkung rechtsextremistischer und islamistisch-extremistischer ONLINE PropagandaVIDEOS und mögliche Gegenangebote im Netz

Was kann man also tun?

Aus medienpädagogischer Perspektive könnten InternetnutzerInnen stärker über unterhaltsame Propaganda aufgeklärt werden, anstatt lange auf gewalttätige Inhalte einzugehen, die sowieso abgelehnt werden. Eine stärkere Aufklärung über typische Stilmittel, könnte dazu beitragen, dass Geschichten, die unterschiedliche PropagandistInnen verwenden, besser wiedererkannt werden und damit ihre Überzeugungskraft abschwächen.

Besonders sinnvoll scheint es, diese Aufklärung in den Berufsschulunterricht zu integrieren. Dabei sollten aber nicht alle Auszubildenden über einen Kamm geschoren werden: Individuelle Einstellungen, vor allem zu Autoritäten, sowie existenzielle Ängste reduzieren auch bei Studierenden die Ablehnung von Propaganda.

Existenzielle Ängste können autoritaristische Einstellungen außerdem zusätzlich fördern (Cohrs & Stellmacher, 2014) und Propaganda damit doppelt in die Karten spielen. Existenziellen Ängsten kann aber auch der Wind aus den Segeln genommen werden: Menschen mit einem stabilen Selbstbewusstsein oder mit vertrauensvollen Beziehungen sind weniger anfällig gegenüber solchen Angstauslösern. Wer an friedliche, tolerante Werte erinnert wird, reagiert trotz existenzieller Ängste weniger positiv auf (extremistische) Eigengruppenmitglieder (Jonas & Fritsche, 2013).

Das könnte man sich zunutze machen, indem vor Propagandavideos statt Werbung Videos geschaltet werden, die solche friedlichen Werte in Erinnerung rufen. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch Google Jigsaws‘ Redirect Kampagne. Hier sehen InternetnutzerInnen, die nach Extremismus suchen, anstatt Werbung bei YouTube Videos gegen Extremismus. Auch wenn eine experimentelle Überprüfung der Wirkung solcher „Werbevideos“ derzeit nicht öffentlich vorliegt: Es spricht einiges dafür, in Zeiten existenzieller Unsicherheiten das Internet nicht denjenigen zu überlassen, die Hass propagieren




[1] Die Autorinnen bevorzugen den Begriff „Geflüchtete“, dieser wird jedoch im alltäglichen Sprachgebrauch seltener benutzt, daher wurde für die Suchanfrage der Begriff „Flüchtlinge“ verwendet.

[2] Die propagandistischen Begriffe in diesem Satz sind in Anführungszeichen gesetzt, um ihre ideologisierte Verwendung zu betonen. Die Autorinnen distanzieren sich von den Weltbildern, die diesen Begriffen zugrunde liegen.

[3] An diesen Studien nahmen nur Männer teil, daher hier wird an dieser Stelle auf die weibliche Form verzichtet.

 

Literaturverzeichnis

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