Lug und Trug - welche Fähigkeiten beherrschen raffinierte LügnerInnen?

Allerdings kann der kognitive Aufwand zum Lügen bereits durch wenig Training reduziert werden (Verschuere et al., 2011). Infolgedessen verbessert sich die Lügenfähigkeit. Diesen Trainingseffekt konnten Verschuere und seine Kollegen in Experimenten mit nichtstraffälligen Probanden nachweisen. Es erstaunt nicht, dass in der Studie von Boeger (2017) Straftäter auch die erfolgreichsten Lügner waren; denn man kann davon ausgehen, dass Straftäter besonders geübt im Lügen sind. Dies konnten auch Willen und Kollegen (2012) in ihrer Untersuchung nachweisen.

Dass in der Untersuchung von Boeger (2017) innerhalb der Gruppe der erfolgreichen Lügner die schnellsten Reaktionszeiten gemessen wurden, verdeutlicht, dass eine rasche Auffassungsgabe ein zentraler Bestandteil für überzeugendes Lügen ist.

Das Fazit der Studie: Überzeugende Lügner können die Emotionen des Gegenübers schnell und richtig einschätzen. Diese Fähigkeiten waren bei den Straftätern und besonders bei den verurteilten Betrügern am höchsten ausgeprägt. Das Erkennen von Emotionen ist aber nur ein Mosaikstein, der zum erfolgreichen Belügen und Betrügen des Gegenübers notwendig ist.

Welche weiteren Fähigkeiten zeichnen einen erfolgreichen Lügner aus?

Die Forschung hat neben hohen kognitiven Empathie-Fähigkeiten weitere relevante Merkmale identifiziert, die guten LügnerInnen helfen können, andere erfolgreich „hinters Licht“ zu führen (DeAndrea et al., 2009; Gino & Ariel, 2011; Kashy & DePaulo, 1996; Vrij, Granhag & Mann, 2010): originelles und schnelles Denken, Eloquenz, gutes Gedächtnis, schauspielerisches Talent, möglichst nah an der Wahrheit bleiben und nur Hermes, Gott der Kaufleute, Diebe, Lügner und Betrüger. Bild : 7854 via pixabay (https://pixabay.com/de/stuttgart-statue-bronze-kupfer-68754/,CC:https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Hermes, Gott der Kaufleute, Diebe, Lügner und Betrüger. Bild : 7854 via pixabay (https://pixabay.com/de/stuttgart-statue-bronze-kupfer-68754/,CC:https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Details verändernfehlende Schuldgefühle und sensation seeking. Geübte manipulative Persönlichkeiten zeichnen sich durch originelles Denken aus und sind rhetorisch geübt. Studien haben zudem gezeigt, dass kreative Persönlichkeiten besser out of the box, d. h. innovativ und in neuen Kontexten denken können (Gino & Ariel, 2011). Diese sehr wertvolle Eigenschaft ist aber auch eine wichtige Voraussetzung speziell für Lügen und Betrügen und kann dann im Sinne unethischen Verhaltens missbraucht werden. Die erhöhte Fähigkeit kreativer Persönlichkeiten zu abweichendem Denken (divergent thinking) erleichtert nämlich die Entwicklung neuer Ideen und Einfälle, die nicht sozialen oder moralischen Normen entsprechen. Auch das flexible Anwenden von Wissen (cognitive flexibility) ist für sie kennzeichnend. Diese Flexibilität im Denken ermöglicht kreativen Menschen, ein Problem aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und verfügbare Informationen neu zu interpretieren. Sie können somit innovative Ideen entwickeln und ihre Fähigkeiten nutzen, um nach ihren eigenen Interessen zu handeln. Moralische Skrupel können aufgrund dieser kognitiven Flexibilität aus dem Weg geräumt und Fakten mit Leichtigkeit neu interpretiert werden. Auf diese Art können sie ihr Handeln rechtfertigen, ohne ihr Selbstbild zu beschädigen (Gino & Ariel, 2011).

Weitere Forschungsergebnisse betonen die Bedeutung von schnellem Denken, um überzeugen zu können (Vrij et al., 2010). Die Fähigkeit, schnell zu antworten ist von zentraler Bedeutung, um glaubhaft zu erscheinen. Schnelles Denken und eloquenter Ausdruck erleichtern es, in heiklen Situationen eine langwierige und ausgeschmückte Antwort zu finden. Damit lässt sich Zeit gewinnen, um über die Fragestellung nachzudenken. Originelles und schnelles Denken sowie Eloquenz sind mit Intelligenz assoziiert (Vrij et al., 2010). Ebenso erleichtern schauspielerisches Talent und eine hohe kognitive Empathie das Lügen. 

LügnerInnen brauchen weiterhin ein gutes Gedächtnis, um sich nicht in Widersprüche zu verwickeln. Wenn LügnerInnen so weit wie möglich bei der Wahrheit bleiben und nur Details verändern, ist dies mit weniger Denkaufwand verbunden. Fehlende Schuldgefühle und mangelnde moralische Skrupel erleichtern das Lügen und Manipulieren (Kashey & DePaulo, 1996). Sensation seeking ist ein weiteres Persönlichkeitsmerkmal, das einen Risikofaktor für kriminelles Verhalten darstellt. Sensation seekers sind ständig auf der Suche nach Abwechslung und neuen Erlebnissen, um Spannung zu erleben. Studien von DeAndrea und Kollegen (2009) konnten zeigen, dass sensation seeking mit betrügerischem Verhalten korreliert.

Zusammenfassend zeigt die Forschung, dass ganz bestimmte persönliche Kompetenzen und Persönlichkeitsmerkmale mit überzeugendem Lügen einhergehen und wesentlich erleichtern.

Welche Konsequenzen ergeben sich für die Ermittlungspraxis?

Die Kompetenz, schnell und zutreffend das Gegenüber einzuschätzen und sich dementsprechend angepasst zu verhalten, kann StraftäterInnen bei ihrer Vernehmung helfen. Deshalb ist speziell für die Polizei und Justiz die Kenntnis der hier vorgestellten Zusammenhänge zwischen kognitiver Empathie und Lügen von Relevanz. Denn teilweise hält sich der Glaube an die Existenz von klassischen Lügensignalen hartnäckig. So werden Anzeichen für Nervosität wie rot werden, unsicherer Blick, Schwitzen und Zittern, fälschlicherweise als Lügenbeweise gedeutet. Das eingangs erwähnte unsichere und ängstliche Verhalten des Herrn F. ist aber weder ein Beleg für Schuld noch für Unschuld, ebenso wie das selbstsichere Verhalten des Herrn H. keine Schlussfolgerung erlaubt. Die voreilige Interpretation von sichtbarem Verhalten kann weitreichende Konsequenzen nach sich ziehen und zu dramatischen Fehlurteilen führen (vgl. Strömwall et al., 2004). Denn die Forschung zeigt übereinstimmend, dass es keine eindeutigen, sichtbaren Lügensignale gibt (vgl. Sporer & Köhnken, 2008). Verdächtige, die über hohe kognitive Empathie-Fähigkeiten verfügen, zeigen nämlich typischerweise kein nervöses und unsicheres Verhalten. Sie erspüren vielmehr genau mit hoher kognitiver Empathie, was das Gegenüber erwartet und reagieren darauf reaktionsschnell und treffend, z. B. mit festem Blickkontakt und Eloquenz. Damit manövrieren sie sich nicht selten erfolgreich aus der Klemme.

Literaturverzeichnis

Boeger, M. (2017). Meister der Manipulation: Zur Psychopathologie von Betrügern. Berlin: Logos. 

DeAndrea, D. C., Carpenter, C., Shulman, H., & Levine, T. R. (2009). The relationship between cheating behavior and sensation seeking. Personality and Individual Differences, 47, 944–947.

Ekman, P., & O`Sullivan, M. (1991). Who can catch a liar? American Psychologist, 46, 913-920.

Ekman, P., Friesen, W. V., & Hager, J. C. (2002). Facial action coding system. Salt Lake City: Research Nexus eBook.

Ekman, P. (2007). Gefühle lesen. Heidelberg: Spektrum akademischer Verlag.

Gino, F., & Ariel, D. (2011). The dark side of creativity: Original thinkers can be more dishonest. Working Paper: Harvard Business School.

Hochadel, O., & Kocher, U. (2000). Lügen und Betrügen. Köln: Böhlau.

Kashy, D. A., & DePaulo, B. M. (1996). Who lies? Journal of Personality and Social Psychology, 70, 1037-1051.

Langner, O., Dotsch, R., Bijlstra, G., Wigboldus, D. H. J., Hawk, S.T., & van Knippenberg, A. (2010). Presentation and validation of the Radboud Faces Database. Cognition & Emotion, 24 (8), 1377-1388.

Niehaus, S. (2008). Merkmalsorientierte Inhaltsanalyse. In R. Volbert & M. Steller (Hrsg.), Handbuch der Rechtspsychologie (S. 487-506). Göttingen: Hogrefe.

Sporer, S. L., & Köhnken, G. (2008). Nonverbale Indikatoren von Täuschung. In R. Volbert & M. Steller (Hrsg.), Handbuch der Rechtspsychologie (S. 353-363). Göttingen: Hogrefe.

Strömwall, L. A., Granhag, P. A., & Hartwig, M. (2004). Practitioners' beliefs about deception. In P. A. Granhag & L. Strömwall (Eds.), The detection of deception in forensic contexts (pp. 229-250). Cambridge: University Press.

Verschuere, B., Spruyt, A., Meijer, E. H., & Otgaar, H. (2011). The ease of lying. Consciousness and Cognition, 20 (3), 908-911.

Vrij, A., Granhag, P. A., & Mann, S. (2010). Good Liars. The Journal of Psychiatry Law, 38, 77–98.

 

 

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