Verbreitete Gerichtssaal-Mythen über das Gedächtnis von Augenzeugen

Dieser Beitrag basiert auf dem Artikel Seeing and Believing: Common Courtroom Myths in Eyewitness Memory, der 2015 in englischer Sprache in der englischsprachigen Ausgabe von In-Mind veröffentlicht wurde (11/2015, Ausgabe 28).

Link zum Originalartikel: http://www.in-mind.org/article/seeing-and-believing-common-courtroom-myths-in-eyewitness-memory

Unser allgemeines Verständnis darüber, wie das Gedächtnis von AugenzeugInnen zu bewerten ist, stimmt manchmal mit wissenschaftlichen Erkenntnissen überein – es weicht jedoch auch manchmal gefährlich weit von diesen ab. Dieser Artikel räumt mit Augenzeugen-Mythen, wie sie in Gerichtssälen, Nachrichten und dem Bewusstsein der Öffentlichkeit vorkommen, auf.

Es geschah an einem Sommerabend im Jahre 1982 in einem kleinen Dorf in den Südstaaten der USA. Die 24-jährige Susan1 war gerade auf dem Weg nach Hause, als sie von einem Mann gepackt und mit einer Waffe bedroht wurde. Er zwang sie, mit ihm in den Wald zu gehen, wo er sie über mehrere Stunden brutal verprügelte und vergewaltigte. Das junge, weiße Opfer nannte den ErmittlerInnen wichtige Details zum Täter (ein schwarzer Mann mit kurzem Haar und einem schmalen Schnurrbart). In einer späteren Gegenüberstellung mit einer Reihe von Bildern zeigte sie sich sichtlich verstört und identifizierte sie den Mann, den die Polizei der Tat verdächtigte. Susans gerichtliche Aussage zu den traumatischen Erfahrungen ihrer gewaltsamen Vergewaltigung und ihre sichere Identifizierung überzeugten das Gericht; der Mann wurde zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Leider hatte sie einen Fehler gemacht und einen Unschuldigen identifiziert. Dieser Fehler, später aufgedeckt durch DNA-Nachweise, trug dazu bei, dass Marvin Anderson 15 Jahre lang inhaftiert war (Gould, 2007).

Dieser Fall demonstriert verschiedene der Probleme, die im Zusammenhang mit Augenzeugenberichten auftreten können. ErmittlerInnen und RichterInnen bewegen sich hier im Spannungsfeld zwischen dem Vertrauen in Augenzeugenberichte und den gefährlichen Konsequenzen menschlichen Irrtums. In den USA gibt es bis heute 330 DNA-Entlastungsfälle (Anmerkung: diese Zahlen beziehen sich auf den Zeitpunkt der Erstveröffentlichung 2015; im Mai 2018 waren es bereits 356 Fälle) von zu Unrecht Verurteilten, wobei 235 dieser Fälle (72 %) durch eine fehlerhafte Identifizierung durch AugenzeugInnen (mit-)verursacht waren (Innocence Project, 2015; die Entstehung und Folgen von Justizirrtümern in Deutschland werden hier behandelt: Schell-Leugers & Schneider, 2018, in dieser Ausgabe). Obwohl Fernsehsendungen wie CSI einen anderen Eindruck vermitteln, gibt es nur in wenigen Kriminalfällen „harte“ Beweise, also Sachbeweise. So kommt es, dass die meisten Personen, die durch DNA entlastet werden, für Mord oder sexuelle Übergriffe verurteilt waren – also für Straftaten, die prüfbare biologische Spuren hinterlassen (Wells, Memon & Penrod, 2006). Doch auch in den wenigen Fällen, in denen die Polizei Beweise wie Fingerabdrücke oder DNA-Spuren erfolgreich an eine verdächtige Person koppeln kann, sind Aussagen von AugenzeugInnen erforderlich, um dieses Beweismaterial mit der Tat verknüpfen zu können. Es stellt sich dann die Frage, ob sich die Fingerabdrücke von X am Tatort eines Banküberfalls befinden, weil er ein regelmäßiger Kunde ist oder weil er am Verbrechen beteiligt war. Anders ausgedrückt: Sachbeweise stehen nicht für sich; sie erzählen nicht die ganze Geschichte; sie müssen interpretiert werden. Hierbei spielen ZeugInnen eine zentrale Rolle.

Es fällt zudem auf, dass Augenzeugenbeweise in der Öffentlichkeit und von JuristInnen zuweilen als eines der besten Instrumente des Rechtssystems gesehen, jedoch auch als minderwertig zurückgewiesen werden. Bild: Skitterphoto via Pixabay (https://pixabay.com/de/auge-gr%C3%BCne-augen-hautnah-makro-1132531/, CC:https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Bild: Skitterphoto via Pixabay (https://pixabay.com/de/auge-gr%C3%BCne-augen-hautnah-makro-1132531/, CC:https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Nach der Festnahme eines 19-jährigen mutmaßlichen Täters einer tödlichen Messerattacke lobte ein kalifornischer Polizeichef die Augenzeugenberichte: “Ohne die Unterstützung unserer Kollegen bei der Strafverfolgung und der Mitarbeit so vieler Zeugen hätten wir dieses tragische Verbrechen nicht so schnell aufklären können.“ (McMenamin, 2015). Ein schottisches Gericht vertrat dagegen die Auffassung, dass „das Risiko eines Justizirrtums altbekannt ist“, wenn die Strafverfolgung von Augenzeugenidentifizierungen abhängt (Gage v. HM Advocate, 2011).

Scheinbar handelt es sich bei Augenzeugenberichten einerseits um ein Beweismittel, dem RechtexpertInnen, JournalistInnen und die Öffentlichkeit vertrauen, das jedoch andererseits als unbrauchbar angesehen wird. Unterdessen sind weder Laien noch Rechtsgelehrte dazu in der Lage, zuverlässige von unzuverlässigen Augenzeugenbeweisen zu unterscheiden, da sie die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse hierzu häufig nicht kennen. Fehlannahmen über das Augenzeugengedächtnis stehen im Zentrum dieses Konflikts. Diese können Fehler mit weitreichenden Konsequenzen verursachen, nämlich falsche Verurteilungen Unschuldiger einerseits und die Straffreiheit Schuldiger andererseits. Die Auseinandersetzung mit solchen Fehlannahmen und Mythen kann dazu beitragen, eine nuanciertere Bewertung von Augenzeugenbeweisen zu ermöglichen.

Mythos #1: Alle AugenzeugInnen sind unzuverlässig

Diese Meinung wird häufig in Medienberichten zum Ausdruck gebracht, die die Tücken von Augenzeugenberichten vor Gericht anhand von aufsehenerregenden Fehlurteilen schildern. Es wäre jedoch wenig zielführend, alle AugenzeugInnen als unzuverlässig abzuschreiben. Fälle werden häufig mit Hilfe von AugenzeugInnen gelöst, sowohl durch zielführende Hinweise als auch die Identifizierung von Verdächtigen. So zeigte die Überprüfung der Faktoren, die zur Klärung von 189 ungeklärten, wiederaufgenommenen Fällen des Polizeireviers des District of Columbia (USA) beitrugen, dass die Mehrheit der Fälle aufgrund neuer AugenzeugInnen gelöst werden konnte (63 %). DNA-Analysen trugen nur in 3 % der Fälle dazu bei (Davis, Jensen, Burgette & Burnett, 2014).
Die meisten AugenzeugInnen berichten über Verbrechen, bei denen ihnen die TäterInnen bekannt sind – so wie die ca. 90 % der weiblichen Opfer von Vergewaltigungen und sexuellem Missbrauch in Großbritannien. Diese gaben an, den Täter bereits vor dem Übergriff gekannt zu haben (Ministry of Justice, Home Office & the Office for National Statistics, 2013). Psychologische Experimente kreieren gezielt suboptimale Bedingungen für das Abrufen von Erinnerungen und die Identifizierung durch AugenzeugInnen und zeigen damit, wie schlecht unser Urteil in bestimmten Situationen sein kann. In solchen Situationen – z. B. bei unbekannten AngreiferInnen, schlechten Lichtverhältnissen oder schlecht konzipierten Gegenüberstellungen – ist das Risiko einer Falschidentifizierung erhöht. Das heißt aber nicht, dass AugenzeugInnen generell falsch liegen; es bedeutet, dass AugenzeugInnen in bestimmten Situationen Fehler begehen können, die jedem anderen unter denselben Bedingungen auch unterlaufen könnten.

Obwohl Susan mit ihrer Identifizierung falsch lag, ist sie ein Beispiel für eine scheinbar glaubwürdige Zeugin. Sie gab eine genaue Beschreibung des Angreifers, lieferte wichtige Informationen, wie zum Beispiel die Behauptung des Angreifers, eine hellhäutige Freundin zu haben, und erkannte auch sein silbernes Fahrrad. Ein Ortsansässiger mit einer Vorgeschichte von tätlichen Übergriffen stimmte mit der Beschreibung überein und gestand die Vergewaltigung später. Susan war keine „schlechte“ Zeugin, sondern hatte gute Absichten; wollte bei den Ermittlungen helfen. Dabei vertraute sie verständlicherweise darauf, dass die PolizeibeamtInnen sie durch den Untersuchungsprozess leiten würden. Leider wurde ihr eine unfaire Gegenüberstellung vorgelegt: Andersons Fahndungsfoto war nämlich das einzige Farbfoto in einer Reihe von schwarz-weiß Bildern. Zum Zeitpunkt des Gerichtsverfahrens war Susan bereits einer Vielzahl von Faktoren ausgesetzt, die sich nachweislich negativ auf das Augenzeugengedächtnis auswirken. Dementsprechend lagen besonders schwierige Bedingungen für die Identifizierung vor. Dies wirkte sich auch auf Susans Fähigkeit aus, während der Gerichtsverhandlung die subjektive Sicherheit in ihre Identifizierungsentscheidung angemessen einzuschätzen.

Das Augenzeugengedächtnis ist verformbar, wobei die Gedächtnisrekonstruktion von einem komplexen Zusammenspiel persönlicher, situativer und sozialer Faktoren abhängt (z. B. wie groß der Abstand zwischen ZeugIn und TäterIn war, von der individuellen Gedächtnisleistung, von Befragungstechniken). Für diejenigen, die in den Strafprozess involviert sind, ist es daher unabdingbar, den Einfluss dieses Faktoren in jedem Fall abzuwägen. Den Einsatz von AugenzeugInnen blind zu akzeptieren oder kategorisch abzulehnen wird der Materie nicht gerecht.

Mythos #2 Jede/-r weiß, wann AugenzeugInnen unzuverlässig sind

Viele der medienwirksamen Entlastungsfälle resultieren aus Straftaten, die zu einer Zeit begangen wurden, in der DNA-Tests unbekannt waren. Inzwischen haben Fälle wie der Andersons die Aufmerksamkeit der Medien auf Justizirrtümer und die möglichen äußeren Einflüsse auf Augenzeugenberichte gelenkt. Zudem können wir inzwischen auf Jahrzehnte psychologischer Forschung zum Augenzeugengedächtnis zurückgreifen. Einige europäische Länder und Staaten der USA haben Identifizierungsverfahren eingeführt, die sich an wissenschaftlichen Empfehlungen orientieren.

Gleichwohl stellen unfaire Gegenüberstellungen und falsche Identifizierungen nach wie vor ein Risiko dar. Ein typisches Beispiel ist das von Henry Osagiede, eines gebürtigen Nigerianers, der 2008 in Spanien wegen Überfalls und sexueller Belästigung verurteilt wurde (Epifanio v. Madrid, 2009). Beide Opfer beschrieben den Täter als schwarzen Mann und identifizierten Osagiede bei einer Gegenüberstellung mit hoher subjektiver Sicherheit. Basierend auf diesen Beweisen wurde Osagiede zu zehn Jahren Haft verurteilt. Der oberste spanische Gerichtshof hob das Urteil ein Jahr später auf, als festgestellt wurde, dass der Verurteilte aus einer unfairen Gegenüberstellung identifiziert wurde: Zwischen vier Lateinamerikanern stehend war Osagiede der einzige schwarze Mann in der Gegenüberstellung – und damit auch der einzige, auf den die Täterbeschreibung passte.

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