Macht uns Retro glücklich? Über die Bedeutung von Nostalgie für das psychische Wohlbefinden

Hat Nostalgie einen Nutzen?

Ausgehend von den vorigen Befunden gingen Forscher der Frage nach, ob Nostalgie entgegen historischer Annahmen nicht negative sondern positive Folgen für unser Wohlbefinden haben könne. In diesen Untersuchungen versetzten die Wissenschaftler Teilnehmer/-innen in einen nostalgischen Zustand und verglichen sie mit einer Kontrollgruppe. Die Proband/-innen in der Nostalgie-Gruppe wurden zum Beispiel gebeten sich an ein nostalgisches Erlebnis zu erinnern oder sich ein Lied anzuhören, das für sie nostalgische Bedeutung hat. Teilnehmer/-innen in der Kontrollgruppe hingegen wurden gebeten sich an ein gewöhnliches Ereignis zu erinnern oder ein nicht nostalgisches Lied anzuhören. Danach beantworteten beide Gruppen Fragen zu ihrem Wohlbefinden, wie zum Beispiel zu ihrem Gefühlsleben und ihrem Selbstvertrauen. Die Forscher konnten so zeigen, dass Nostalgie größtenteils vorteilhafte Folgen hat: Nostalgisches Erinnern führt zu mehr Optimismus mit Blick auf die Zukunft (Cheung et al., 2013), verbessert die Stimmung und steigert das Selbstwertgefühl (Wildschut et al., 2006). Außerdem machen diese wehmütigen Erinnerungen deutlich, was wirklich zählt im Leben, und sie lassen Personen daher Sinn und Bedeutung erfahren (Routledge et al., 2011). In nostalgischen Momenten fühlen wir außerdem mehr Verbundenheit mit wichtigen Menschen, wie Freunden, Lebenspartnern oder Familienangehörigen (Wildschut et al., 2006) und können uns besser in andere einfühlen (Zhou, Wildschut, Sedikides, Shi, & Feng, 2012b). Aktuelle Studien haben sogar gezeigt, dass sich Nostalgie positiv auf Gruppen auswirkt. Personen, die sich an ein nostalgisches Ereignis erinnern, das sie zusammen mit anderen Gruppenmitgliedern erlebt haben, fühlen sich der Gruppe verbundener und setzen sich mehr für sie ein (Wildschut, Bruder, Robertson, van Tilburg, & Sedikides, 2014). Die jüngere Psychologie hat also mit historischen Vorurteilen über Nostalgie gebrochen und gezeigt, dass sie im Großen und Ganzen sehr positive Auswirkungen auf die Psyche hat. Doch unter welchen Umständen erleben Menschen Nostalgie?

Wann werden wir nostalgisch?

Einige Studien haben gezeigt, dass Nostalgie zum Beispiel durch Musik, Gerüche oder Gegenstände aus der Kindheit hervorgerufen werden kann. Eine Untersuchung von Zhou, Wildschut, Sedikides, Chen und Vingerhoets (2012a) hat zudem zeigen können, dass Menschen eher nostalgisch werden, wenn sie sich in einer kalten Umgebung befinden. Die Metapher einer wärmenden Erinnerung bekommt bei Nostalgie also ganz praktische Relevanz. Der meistgenannte Auslöser ist allerdings ein negativer Gemütszustand, häufig infolge wahrgenommener Bedrohung. Teilnehmer/-innen eines Experiments wurden etwa in negative Stimmung versetzt, indem sie einen Zeitungsartikel über die Tsunamikatastrophe 2004 lasen. Danach waren sie nostalgischer als jene in einer Vergleichsgruppe (Wildschut et al., 2006). Viele Studien haben dieses Ergebnis bestätigt und zeigen übereinstimmend, dass Menschen nostalgische Erlebnisse erinnern, um negative Gefühle zu bekämpfen. Seehusen und Kollegen (2013) machten Studienteilnehmer/-innen durch ein fiktives Persönlichkeitsgutachten glauben, dass sie in Zukunft wahrscheinlich ein schwieriges Sozialleben haben würden. Die Teilnehmer/-innen schwelgten danach eher in nostalgischen Erinnerungen als jene, die dachten, künftig erfüllte Beziehungen zu haben. Andere Studien fanden zudem heraus, dass wir nostalgisch werden, wenn wir unser Leben als bedeutungslos empfinden, uns von Gedanken an die eigene Endlichkeit bedroht fühlen oder einsam sind (für eine ausführliche Darlegung, siehe Sedikides et al., 2015). Nostalgie hat das Potential, diese bedrohlichen Situationen abzumildern und uns hoffnungsvoll in die Zukunft schauen zu lassen.

Gerade wenn wir niedergeschlagen sind, helfen nostalgische Erinnerungen. Bild von jarmoluk via Pixabay (https://pixabay.com/en/photo-photographer-old-photos-256887/), CCO (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)

Johannes Hofer und die Psychoanalytiker lagen also anscheinend nicht richtig mit ihren Beobachtungen: Nostalgie verursacht keinen Kummer, sondern ermöglicht mit Sorgen besser umgehen zu können. Nostalgisch zu sein, ist in den meisten Fällen also eine Form von Selbstregulation. Wenn Menschen sich in Situationen befinden, in denen sie sich traurig, einsam oder bedeutungslos fühlen, klammern sie sich an nostalgische Erinnerungen und beruhigen sich damit, dass sie von anderen Menschen geliebt werden und dass es im Leben um viel mehr geht als um die aktuellen Probleme.

Der typische Einwand von Psycholog/-innen „Es kommt darauf an“ darf aber auch bei der Nostalgie nicht fehlen. Einige Studien zeigten nämlich Bedingungen, unter denen Nostalgie ihre Wirkung nicht entfalten kann. Wildschut, Sedikides, Routledge, Arndt und Cordaro (2010) fanden zum Beispiel heraus, dass Menschen, die enge Bindungen zu anderen meiden, nicht im gleichen Maße von Nostalgie profitieren. Zumindest fühlen sie sich nicht stärker mit anderen Menschen verbunden, da sie in Zeiten von Kummer weniger auf ihr soziales Umfeld vertrauen. Ähnliches gilt für Narzissten. Wer sich obsessiv mit sich selbst beschäftigt, gefällt sich in nostalgischem Zustand zwar noch besser, erlebt aber keine größere Verbundenheit zu anderen (Hart et al., 2011). Bisher unveröffentlichte Daten unserer Forschungsgruppe deuten zudem darauf hin, wie wichtig Vergangenheitsvergleiche sind (Seehusen, Epstude, Wildschut & Sedikides, 2014). Sie zeigen, dass Menschen, die dazu tendieren Vergangenheit und Gegenwart zu vergleichen, bei nostalgischen Erinnerungen eher zurückliegende Verluste bedauern, als sich über vergangenes Glück zu freuen.

Macht uns Retro glücklich?

Aber können uns psychologische Erkenntnisse über die Funktionen von Nostalgie auch helfen, den anhaltenden Retro-Trend in unserem Konsumverhalten zu verstehen? Retro ist sicherlich nicht grundsätzlich auf Nostalgie zurückzuführen. Wenn Jugendliche sich in Retro-Mode kleiden, tun sie das vermutlich aufgrund von Normen oder kurzweiligen Modewellen, und nicht um sich nostalgisch mit der Vergangenheit zu verbinden. Die Wissenschaft hat jedoch auch gezeigt, dass Menschen eine besondere Affinität zu Retro-Produkten haben, die sie an vergangene Tage erinnern. Forscher fanden zum Beispiel heraus, dass Menschen eine lebenslange Vorliebe für die Mode, Musik, Autos oder Filme zeigen, die in ihrer Jugend populär waren (Holbrook & Schindler, 1996). Außerdem konnte gezeigt werden, dass nostalgische Produkte verschiedene Konsumentenbedürfnisse befriedigen können. Hierzu gehören ein Sicherheitsbedürfnis, Traditionsbewusstsein, Freiheit und Unbeschwertheit oder ein Gefühl von Zeitlosigkeit (Kessous & Roux, 2011). Nostalgie scheint also ein wichtiger Aspekt für die Schnittstelle zwischen Emotion und Konsum zu sein und hilft so zu verstehen warum sich Retro-Produkte so großer Beliebtheit erfreuen. Sie sind ein Mittel sich als Teil von Geschichte oder Tradition zu fühlen, sich an vergangene Zeiten zu erinnern, oder auch um zu zeigen, dass hinter all dem Materiellen ein fühlender Mensch mit Geschichte und Zugehörigkeitsgefühl existiert. Ein weiterer Befund sollte Sie als Konsument jedoch aufhorchen lassen: Es sind gerade jene nostalgischen Produkte, die unseren Geldbeutel besonders locker sitzen lassen. Forscher fanden heraus, dass Menschen Geld in einem nostalgischen Zustand als weniger wichtig empfinden und somit konsumfreudiger sind (Lasaleta, Sedikides & Vohs, 2014). Gerade dieser Befund könnte erklären, warum die Industrie so starken Gefallen an Retro-Marketing gefunden hat; denn welches Unternehmen will nicht, dass Kunden beim Einkauf weniger auf ihren Geldbeutel achten. Wer als Konsument jedoch nicht durch cleveres Marketing verführt werden möchte, sollte gerade in nostalgischen Momenten besonders auf den Geldbeutel achten.

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