Nachrichten für Kinder: Was die Entwicklungspsychologie zur Praxis beitragen kann

Wenn Kinder in einer Zeitungsredaktion die Führung übernehmen, wählen sie andere Nachrichten als Erwachsene. Sie berichten zum Beispiel vom Schicksal armer Kinder, finden aber eine Geschichte über die schönste Frau der Welt uninteressant. Entwicklungspsychologisch steckt dahinter, dass Kinder sich aktiv mit Medien auseinandersetzen und Medienkompetenz erst erwerben. Sie zählt zu einer wichtigen Entwicklungsaufgabe. Was bedeutet dies für die Gestaltung von Kindernachrichten? Der vorliegende Artikel versucht einen Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Praxis. Er gibt Antworten auf zwei Fragen: Wie können Konzepte der Entwicklungspsychologie dazu beitragen, Nachrichten kindgerecht zu gestalten? Wie können Kindernachrichten Kindern bei ihrer Entwicklung helfen?

Fernsehen, Internet und soziale Netzwerke wie Facebook gehören für Kinder zum Alltag. Statistisch gesehen steht in jeder Familie ein Fernseher und die Hälfte der 6- bis 13-jährigen Mädchen und Jungen hat ein eigenes Smartphone zur Verfügung (Kim-Studie, 2013). Kinder sollten deshalb möglichst früh Medienkompetenz erwerben. Sie sollten lernen, Informationen zu finden, zu bewerten und einzuordnen, um sich eine eigene Meinung zu bilden und dadurch am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Ein wichtiges Medium, um sich aktiv mit Medien auseinanderzusetzen, sind Tageszeitungen. 41 Prozent der Familien geben an, eine Tageszeitung abonniert zu haben (Kim-Studie, 2013, S. 8). Das sind in den Familien deutlich weniger als beim Fernsehen mit 100 Prozent (Kim-Studie, 2013, S. 8), dafür setzen sich viele Mädchen und Jungen in Kindergärten und Schulen aktiv mit der Tageszeitung auseinander. Drei Viertel der Zeitungen veröffentlichen Nachrichten gezielt für Kinder. Ebenso viele Tageszeitungen bieten medienpädagogische Projekte an, in denen die Tageszeitung über Wochen zur Lektüre im Klassenzimmer wird (Körte, 2006; Pasquay, 2013a). Grund genug, zu diskutieren, wie Entwicklungspsychologie und Praxis anhand von Kindernachrichten und Medienprojekten ineinander greifen können, um Kinder beim Erwerb von Medienkompetenz zu unterstützen.

Medienprojekte

17 Mädchen und 16 Jungen sind die Kinder-Chefredaktion der Braunschweiger Zeitung für einen Tag gewesen. Die SchülerInnen entschieden, welche Themen die LeserInnen in der Freitagsausgabe am 27. April 2012 lesen konnten. Chefredakteur Armin Maus erläuterte auf der Titelseite den Rollentausch: „Wir haben dabei viel gelernt, denn Kinderaugen sehen die Welt anders. Das Schicksal armer Kinder etwa interessierte unsere Kinder-Chefredaktion sehr, die schönste Frau der Welt ließ sie dagegen eher kalt.“ Ein Blick hinter Zirkuskulissen und Krippenplätze sind Themen von Artikeln der Kinder. Sie wählten Nachrichten, die zu ihrem Lebensumfeld passen. Dabei scheuen die Kinder nicht vor „Erwachsenenthemen“ zurück – sie müssen nur aus kindgerechter Perspektive beleuchtet sein (Gleich & Schmitt, 2009). In einem Artikel ging es zum Beispiel um das Thema Zinsen, die Kinder erhalten, wenn sie ihr Taschengeld sparen und zur Bank bringen.

Kinder-Chefredaktionen, Medienprojekte und Kinderseiten kosten Zeit und andere Ressourcen (nicht zuletzt: Geld). Warum wenden Verlage diese Ressourcen auf und investieren in Kinder-Projekte? Warum binden Zeitungen Kinder ein? Eine Antwort lautet, „um frühestmöglich Spuren im Kopf der Kleinen zu hinterlassen“ (Pasquay, 2013b). Wer in der Schule mit der Zeitung in Kontakt kommt, abonniert als Erwachsener mit höherer Wahrscheinlichkeit die Tageszeitung als diejenigen, die noch keine Zeitung in der Hand hatten (Körte, 2006). Das muss nicht nur „Prägung“ bedeuten, es könnte auch Leseförderung sein, „denn wer nicht gut lesen kann und deshalb keinen Spaß am Lesen hat, wird sicher auch kein begeisterter Zeitungsleser“ (Fischborn, 2006, S. 242). Ein Ziel der Zeitungen ist es also, auf lange Sicht LeserInnen und womöglich AbonnentInnen zu gewinnen. Zugleich verweisen Verlage auf ihr gesellschaftliches Engagement zur Leseförderung.

Auf der anderen Seite haben Schulen in Niedersachsen im Kerncurriculum verankert, dass Kinder Medienkompetenz erwerben sollen (Niedersächsische Staatskanzlei, 2012). Medienpädagogische Projekte stellen für LehrerInnen einen Weg dar, ihren Auftrag der Medienbildung zu erfüllen. Medienkompetenz ist jedoch mehr als Lesefreude und Leseförderung – welche Aspekte können Zeitungsprojekte und Kindernachrichten fördern?

Medienkompetenz

Medienkompetenz gilt in der Forschungsliteratur als die Fähigkeit, kompetent mit Medien umgehen zu können. Das bedeutet, sie kritisch und selbstbestimmt auswählen, nutzen, bewerten und produzieren zu können sowie mit anderen Menschen darüber reden zu können. (Trepte, 2008). Bettina Hurrelmann beschreibt: „In der Medienkompetenz bündeln sich gleichsam die komplexen Handlungsanforderungen an das Subjekt in der Gegenwartsgesellschaft.“ Ziel ist das „gesellschaftlich handlungsfähige Subjekt“ (Hurrelmann, 2002, S. 123; vgl. Sandhagen & Greve, 2014).

Ein aktuell genutztes Modell der Medienkompetenz stammt von Norbert Groeben (2002). Er hat ein Modell mit sieben Dimensionen entwickelt, die horizontal angeordnet sind. Das bedeutet, dass MediennutzerInnen in einem Teilbereich bereits kompetent sein können, in einem anderen dagegen weniger. Die sieben Dimensionen des Modells (Groeben, 2002) sind die folgenden (Beispiele jeweils in Bezug auf Kindernachrichten ergänzt):

  • Medienwissen und Medialitätsbewusstsein (S. 166 f.): MediennutzerInnen haben die Fähigkeit, zwischen Realität und Medialität sowie zwischen Medialität und Fiktionalität zu unterscheiden und kennen die Grenzen zur Parasozialität (z. B. der Verliebtheit in einen medialen Serien-Charakter). Am Beispiel der Kindernachrichten zählt dazu die Fähigkeit, zwischen Kindernachrichten in Tageszeitungen und Comics unterscheiden zu können.
  • Medienspezifische Rezeptionsmuster (S. 168 f.): Diese Dimension bezieht sich auf technologisch-instrumentelle Fertigkeiten wie zum Beispiel das Suchen von Kindernachrichten im Internet.
  • Medienbezogene Genussfähigkeit (S. 170 f.): MediennutzerInnen haben die Fähigkeit, sich mittels Medien unterhalten zu fühlen, ohne in eine Sucht abzugleiten, also gerne Kindernachrichten zu lesen, ohne Freunde und Hobbys zu vernachlässigen.
  • Medienbezogene Kritikfähigkeit (S. 172 f.): MediennutzerInnen haben die Fähigkeit, Medienangebote eigenständig zu bewerten, zum Beispiel die Glaubwürdigkeit von gedruckten Kindernachrichten im Vergleich zu anonymen Texten auf einer Internetseite einschätzen zu können.
  • Selektion/Kombination von Mediennutzung (S. 175 f.): MediennutzerInnen können aus dem Angebot zwischen Medien auswählen (z. B. ob sie sich mittels Zeitung oder Fernsehen informieren), innerhalb eines Mediums wählen (etwa zwischen unterschiedlichen Fernsehkanälen) und die Angebote sinnvoll kombinieren. Am Beispiel von Kindernachrichten bedeutet das, dass Kinder die Fähigkeit haben, für sie gestaltete Nachrichten in der Zeitung oder im Fernsehen zu lesen und zu sehen.
  • (Produktive) Partizipationsmuster (S. 176 f.): MediennutzerInnen können aktiv am Mediengeschehen teilnehmen, zum Beispiel eine eigene Homepage gestalten. Hierzu zählen zum Beispiel Kinder-Reporter, die eigene Texte auf Kinderseiten schreiben.
  • Anschlusskommunikation (S. 178 f.): MediennutzerInnen kommunizieren über die Medieninhalte. Mädchen und Jungen unterhalten sich zum Beispiel über Kindernachrichten.

Die Stärke des Modells ist, dass es versucht, das Konzept Medienkompetenz umfangreich zu erfassen und die Aspekte untersuchbar zu machen. Darin liegt allerdings auch ein Kritikpunkt, denn das Modell ist so umfangreich, dass es kaum gelingen kann, alle Dimensionen parallel zu erforschen. Die Folge ist, dass sich Studien meist auf eine oder zwei Dimensionen beziehen. In der Entwicklungspsychologie interessiert zum Beispiel die Frage, wie Kinder Medien für sich nutzen können, etwa zur Information, Unterhaltung oder Identitätsentwicklung etwa durch soziale Vergleiche (Sandhagen, 2013). Im Folgenden werden Anknüpfungspunkte zwischen Medienkompetenz und Medienprojekten diskutiert, die sich eignen, um Wissenschaft und Praxis zu verbinden.

Medienkompetenz und Medienprojekte – ein Vergleich

Bei der entwicklungspsychologischen Beschäftigung mit der Medienkompetenz und bei den praktischen Medienprojekten geht es um einen eigenständigen, verantwortungsvollen Umgang mit Medien. Dennoch haben Wissenschaft und © Petra SandhagenPraxis oft wenige Berührungspunkte. Die wissenschaftliche Forschung zur Medienkompetenz speist sich hauptsächlich aus der Entwicklungspsychologie und der Kommunikationspsychologie. Die Medienprojekte entstehen oft in Zusammenarbeit von Zeitungsverlagen und Schulen, weitere Anbieter sind Agenturen zur Kommunikationsberatung. Wenn diese Projekte wissenschaftlich begleitet werden, dann meist von kommunikationswissenschaftlichen Studiengängen (Körte, 2006) und überwiegend mit dem Blick auf Fernseh-Nachrichten für Kinder.

Die Auswertung von rund 50 Studien zu Fernsehnachrichten für Kinder (Gleich & Schmitt, 2009) hat ergeben, dass Kinder mehr Informationen nach den Fernseh-Nachrichten wiedergeben können, je besser diese den kognitiven Entwicklungsstand der ZuschauerInnen berücksichtigen. Außerdem blieben die Nachrichten besser in der Erinnerung, wenn Text und Bild die gleichen Informationen bieten und die Sprache kindgerecht ist. Und nicht zuletzt konnten Mädchen und Jungen mehr von den Nachrichten behalten, wenn sie einen Bezug zu ihrem Alltag aufweisen und kommentiert sind.

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