Schwieriger als gedacht?! Potenziale und Risiken des Lernens mit digitalen Medien

Digitale Medien sind zu unseren ständigen Begleitern geworden. Sowohl in der Freizeitgestaltung als auch im Berufsleben und im (Hoch-)Schulalltag nehmen digitale Medien in Form von Smartphones, Laptops und Tablet-PCs eine zentrale Rolle ein. Im (Hoch-)Schulalltag werden digitale Medien jedoch meist eher als Ablenkung denn als sinnvolles Instrument für die Wissensvermittlung betrachtet. Ist dieser schlechte Ruf berechtigt? Oder bieten digitale Medien auch neue Chancen für effektives Lernen? Dieser Artikel versucht (durch Abwägung von Potenzialen und Risiken) hierauf eine Antwort zu finden.

Heutzutage sind digitale Medien wie Computer/Laptop, Tablet, Smartphones etc. aus dem Alltag kaum noch wegzudenken. Die rasante Verbreitung solcher Medien trifft neben dem Alltag auch den beruflichen und schulischen Kontext. So gaben zum Beispiel in einer aktuellen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach (2013) knapp 90 Prozent aller befragten Lehrkräfte an, zumindest gelegentlich im Unterricht digitale Medien wie Computer und Internet zu verwenden. Aber auch außerhalb des Unterrichts gibt es heutzutage diverse Möglichkeiten des Lernens mit digitalen Medien (siehe Tabelle 1). Dazu zählen verschiedene Formen des E-Learning sowie das Lernen mit Serious Games. Diese Entwicklung ist jedoch mit einigen Befürchtungen verbunden. In der populärwissenschaftlichen Literatur gibt es sogar Stimmen, die in heftiger Weise vor dieser Entwicklung warnen: „Meiden Sie digitale Medien. Sie machen (…) tatsächlich dick, dumm, einsam, krank und unglücklich“ (Spitzer, 2012, S. 325). Betrachtet man die wissenschaftliche Befundlage zur Auswirkung von Computer und Internet genauer, so lassen sich die meisten dieser Behauptungen glücklicherweise ausräumen (Appel & Schreiner, 2014). Im Mittel zeigten sich sogar positive Effekte des Lernens mit Computer und Internet auf den Lernerfolg. Dennoch sind mit dem Einsatz digitaler Medien im Bildungskontext neue Anforderungen verbunden, sodass es einer sorgfältigen Abwägung der Potenziale und Risiken in Bezug auf das Lernen bedarf. Was aber sind eigentlich die Potenziale dieser digitalen Medien im Lernkontext? Welche Risiken bergen sie und wie können die Risiken vermieden werden? Dieser Artikel soll darüber einen kurzen Überblick geben, indem er sich vorwiegend auf die Potenziale und Risiken der E-Learning Variante des Computer-Based Trainings (CBT; siehe Tabelle 1) bezieht.

Tabelle 1. Überblick über die (am häufigsten vorkommenden) Formen des Lernens mit digitalen Medien.

E-Learning Serious Games
CBT
(computer-based training)
WBT
(web-based training)
Blended-Learning

Virtuelles Klassenzimmer /

MOOC

Lernprogramme (auf CD-ROM oder DVD);
ermöglichen Darstellung multimedialer Inhalte und Verknüpfung per Hyperlinks4 (vgl. Abbildungen 2 & 3)
Lernplattformen im Internet; ähnlich zu CBT; ermöglichen zusätzlich Kommunikation zwischen Lernenden und/oder Dozenten und TutorInnen (z.B. Ilias) Mischform aus E-Learning und traditionellem Unterricht mit dem Ziel, Vorteile aus den beiden Lernformaten zu kombinieren (integriertes Lernen) Online-Kurse;
ermöglichen gemeinsames Lernen (als Klasse/Kurs) aus der Ferne (per Video etc.); Sonderform MOOC mit zusätzlichen Internet-Foren; theoretisch unbegrenzte Teilnehmendenanzahl
Digitale Spiele, die Wissen vermitteln; Spielcharakter steht im Vordergrund, jedoch verknüpft mit Wissensvermittlung

 

Welches Potenzial haben digitale Medien?

Um im Folgenden das Potenzial digitaler Medien für erfolgreiches Lernen zu illustrieren, wird beispielhaft auf eine für Tablets programmierte Lernumgebung über Fische verwiesen (vgl. FishDiscovery-Lernumgebung; Klemke, 2011; Kornmann et al., 2012). Diese Lernumgebung ist in Sprache und Form auf Schulkinder der vierten Klasse zugeschnitten. Sie erlaubt das Aufrufen von multimedialen Inhalten über Fische (z. B. Texte, Bilder, Animationen und Videos), die teilweise über Hyperlinks direkt mit weiteren thematisch verwandten Inhalten zu den Fischen verknüpft sind. Dadurch bietet diese Lernumgebung im Gegensatz zu klassischen Printmedien neue Möglichkeiten zur Darstellung (z. B. Animationen, Videos) und Verknüpfung von Inhalten (z.B. nicht-lineare Verknüpfung thematisch verwandter Inhalte), woraus sich die Potenziale für erfolgreiches Lernen ergeben. Denn klassische Printmedien, wie zum Beispiel Bücher oder Zeitschriften, können hierbei die Inhalte lediglich über geschriebene Texte und statische Bilder vermitteln (vgl. Abbildung 1). Dabei sind diese Inhalte meist linear verknüpft, d. h. die vorgegebene Reihenfolge zur Aneignung von Lerninhalten entspricht dem Seite-für-Seite Durchblättern eines Buches.

Welchen Lernvorteil haben Schüler/innen und Studierende nun, wenn man ihnen anstelle statischer Bilder Animationen oder Videos präsentiert? Ein Potenzial ist darin zu sehen, dass Informationen über die raumzeitliche Abfolge von Ereignissen so, wie sie in der Realität ablaufen, direkter zugänglicher gemacht werden. Wird beispielsweise das Schwimmverhalten eines Kofferfisches anhand von Animationen und Videos illustriert, so kann das dynamische Zusammenwirken der verschiedenen Körperteile des Fisches beim Schwimmen direkter vermittelt werden (siehe Videoclip zu Abbildung 2). Dieses Zusammenwirken müsste über statische Bilder und Text erst erschlossen werden. Folglich zeigen Studienergebnisse, dass Animationen vor allem dann hilfreich für das Lernen sind, wenn die Lernenden selbst nicht in der Lage sind, sich den raumzeitlichen Ablauf von Ereignissen anhand statischer Bilder und/oder Text zu erschließen (Bétrancourt, 2005).

Ein weiteres Potenzial der Darstellung von Videos oder Animationen mit gesprochenem Text bezieht sich auf die bessere Nutzung der Aufmerksamkeitsressourcen von Lernenden. Wenn Schüler/innen zum Beispiel einen geschriebenen Text über Fischbewegungen lesen, können sie nicht gleichzeitig die entsprechenden Bilder dazu ansehen. Sie müssen sich entscheiden, ob sie den Text lesen oder sich das Bild dazu ansehen wollen (siehe Abbildung 1). Sie müssen also ihre Aufmerksamkeit aufteilen. Diese Aufteilung der Aufmerksamkeit kann hinderlich für den Lernerfolg sein, weil die Verknüpfung von Informationen aus Text und Bild erschwert ist (Mayer, 2009). Sieht man sich hingegen einen Videoclip mit dazugehöriger Tonspur an, kann man sich bereits während des Texthörens die entsprechenden Bilder dazu ansehen (siehe Videoclip zu Abbildung 2). Die Aufmerksamkeit muss nicht zwischen Textlesen und Bildansehen aufgeteilt werden. Dadurch wird das Verknüpfen der Informationen aus Texten und Bildern unterstützt, was letztlich eine lernförderliche Wirkung haben kann (Mayer, 2009).

Neben der gerade genannten neuen Möglichkeiten zur Darstellung von Inhalten (z. B. über Videos mit gesprochenem Text) bieten digitale Medien ebenfalls neue Möglichkeiten zur Verknüpfung dieser Inhalte (via Hyperlinks). So können Informationen untereinander über die bereits erwähnten Hyperlinks direkter miteinander in Beziehung gesetzt werden. Ein Schüler könnte sich also zum Beispiel Informationen über den Doktorfisch durchlesen und dabei erfahren, dass dieser im Tropischen Korallenriff lebt. Angenommen das Wort „Tropisches Korallenriff“ sei ein Hyperlink, könnte er nun mit einem Klick direkt zu Informationen über diesen Lebensraum gelangen (siehe Abbildung 3). Diese direktere (nicht-lineare)Verknüpfung zwischen verschiedenen Informationen ermöglicht ein schnelleres Auffinden von relevanten und interessierenden Informationen, was das Verständnis für konzeptuelle Zusammenhänge zwischen verschiedenen Themenaspekten fördern kann (Naumann, Richter, Flender, Christmann & Groeben, 2007). In traditionellen Printmedien hingegen sind Informationen eher linear aufbereitet (Seite-für-Seite). Zwar enthalten Bücher und Zeitschriften Querverweise zum Index etc., die in ihrer Funktionalität ähnlich zu Hyperlinks sind. Solche Verweise werden jedoch selten genutzt (Merkt, Weigand, Heier & Schwan, 2011). Schüler/innen tendieren eher dazu, Bücher und Zeitschriften Seite für Seite durchzublättern. Diese Art der linearen Verarbeitung von Informationen kann hilfreich für das Aneignen von Faktenwissen sein. Zusammenhänge zwischen verschiedenen Themenaspekten fallen bei dieser Art des Lernens jedoch weniger oder gar nicht auf, sodass das Verständnis für konzeptuelle Zusammenhänge darunter leiden kann (Naumann et al., 2007).

Artikelautor(en)

Newsletter

Abonnieren Sie unseren Newsletter, um über neue In-Mind Artikel, Blog Beiträge und vieles mehr informiert zu sein.

Facebook