„Ja, aber bei denen geht’s dann doch - oder wie?!“ Stellvertretend empfundene vergleichende Opferschaft und ihre Folgen

Wie nehmen Menschen Ungleichbehandlungen zwischen benachteiligten Gruppen wahr – und welche Folgen hat das? Das Konzept der vergleichenden Opferschaft beschreibt, wie Gruppen ihr eigenes Leid im Verhältnis zu dem anderer bewerten und daraus moralische Ansprüche ableiten. Neuere theoretische Überlegungen erweitern diese Perspektive, denn auch Personen, die selbst nicht Teil der betroffenen Gruppen sind, können solche Vergleiche anstellen und emotional darauf reagieren. Die stellvertretend empfundene vergleichende Opferschaft erklärt, warum insbesondere Sozialarbeitende, Ehrenamtliche oder Therapeut:innen auf wahrgenommene Ungerechtigkeit reagieren – mit Frustration, Rückzug oder verstärktem Engagement.

Menschen, die sich für benachteiligte Gruppen einsetzen, gelten oftmals als tragende Säulen gesellschaftlichen Zusammenhalts. Doch ihr Engagement findet nicht im luftleeren Raum statt. Um zu verstehen, welche psychologischen Spannungen dabei entstehen können, lohnt sich zunächst ein Blick auf ein grundlegendes sozialpsychologisches Phänomen: Die vergleichende beziehungsweise konkurrierende Opferschaft (für einen Überblick siehe Noor et al., 2012).

Dieses Konzept beschreibt, wie Gruppen – insbesondere in Konfliktkontexten – dazu neigen, das eigene Leid gegenüber dem anderer Gruppen als schwerwiegender zu bewerten. Solche Vergleiche sind nicht nur deskriptiv, sondern häufig normativ aufgeladen: Sie können Gefühle moralischer Überlegenheit fördern, Ansprüche auf Anerkennung oder Entschädigung begründen und in manchen Fällen sogar aggressive Reaktionen legitimieren.

Neuere theoretische Ansätze greifen dieses etablierte Konzept auf und erweitern es systematisch. Im Zentrum steht dabei die Frage, was geschieht, wenn nicht die Betroffenen selbst, sondern Außenstehende solche Vergleiche vornehmen. Damit rückt eine bislang wenig beachtete Gruppe in den Fokus: Personen, die sich für benachteiligte Gruppen einsetzen – sogenannte Social Aides, etwa Sozialarbeiter:innen, Ehrenamtliche, Jurist:innen oder Therapeut:innen.

Hier setzt das Konzept der stellvertretend empfundenen vergleichenden Opferschaft an (Hellmann et al., 2024). Es beschreibt, dass auch Helfende Ungleichbehandlungen zwischen Gruppen wahrnehmen, diese bewerten und darauf emotional reagieren – obwohl sie selbst nicht unmittelbar betroffen sind. Entscheidend ist dabei, dass sie die Perspektive „ihrer“ Klient:innen einnehmen und wahrgenommene Ungerechtigkeiten stellvertretend erleben.

Wie relevant diese Erweiterung ist, zeigt sich besonders im Kontext von Fluchtmigration seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine im Jahr 2022. Millionen Menschen wurden vertrieben, viele von ihnen suchten Schutz in Deutschland. In der öffentlichen und institutionellen Praxis wurde dabei häufig beobachtet, dass Geflüchtete aus der Ukraine schneller und umfassender Unterstützung erhielten als Schutzsuchende aus anderen Regionen wie Syrien, Afghanistan oder afrikanischen Ländern.

Eine erste qualitative Studie mit Social Aides, die mit Geflüchteten arbeiten, verdeutlicht, wie solche Unterschiede wahrgenommen werden (Hellmann et al., 2025). Viele Befragte berichteten von ungleichen institutionellen Rahmenbedingungen und interpretierten diese teilweise als Ausdruck strukturellen Rassismus oder gesellschaftlicher Diskriminierung. Als mögliche Ursachen nennen sie unter anderem zugeschriebene kulturelle oder religiöse Unterschiede, wahrgenommene physische Ähnlichkeit sowie die geografische Nähe zum Aufnahmeland.

Wichtig ist dabei: Die Kritik richtet sich in der Regel nicht gegen die Unterstützung einzelner Gruppen, sondern gegen die systematische Benachteiligung anderer. Genau hierin zeigt sich die Logik der stellvertretend empfundenen vergleichenden Opferschaft: Wahrgenommene Ungleichbehandlung wird als Verletzung grundlegender Gleichheitsnormen interpretiert und emotional verarbeitet.

Diese Reaktionen können unterschiedlich ausfallen. Einige Helfende berichten von Frustration oder Überforderung und ziehen sich teilweise zurück. Andere reagieren mit verstärktem Engagement. Welche Dynamik entsteht, hängt von verschiedenen Faktoren ab – etwa von individuellen Ressourcen, sozialer Unterstützung oder der Überzeugung, tatsächlich etwas bewirken zu können.

Die möglichen Folgen sind erheblich. Wenn engagierte Personen ihre Unterstützung reduzieren oder ganz einstellen, kann dies langfristig den gesellschaftlichen Zusammenhalt schwächen. Gleichzeitig machen die Befunde deutlich, dass Fragen von Fairness und Gleichbehandlung nicht nur für die unmittelbar Betroffenen, sondern auch für ihre Unterstützer:innen zentral sind.

Der Ansatz lenkt damit den Blick auf eine oft übersehene Dimension: Wer Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken will, muss nicht nur Ungleichheiten zwischen benachteiligten Gruppen adressieren, sondern auch berücksichtigen, wie solche Ungleichheiten von engagierten Dritten wahrgenommen und verarbeitet werden.

Literaturverzeichnis

Hellmann, J. H., Schlechter, P., Übergünne-Otte, L., Rees, J. H., Sandal-Önal, E., & Zick, A. (2024). Vicarious comparative victimhood: Introducing a framework to illustrate vicariously experienced inequalities in behaviors toward members of victimized groups. Peace and Conflict: Journal of Peace Psychology, 30(3), 454–461. https://doi.org/10.1037/pac0000690

Hellmann, J. H., Schlechter, P., Walter, L. P., Rees, J. H., Landmann, H., Winter, K., Klocke, U., Übergünne-Otte, L., Morina, N., & Zick, A. (2025). Social aides’ perceptions of discrepancies in attitudes and behaviour towards different refugee groups in Germany: Implications for vicarious comparative victimhood. Patterns of Prejudice, 59(2-3), 205-225. https://doi.org/10.1080/0031322X.2026.2625562

Noor, M., Shnabel, N., Halabi, S., & Nadler, A. (2012). When suffering begets suffering: The psychology of competitive victimhood between adversarial groups in violent conflicts. Personality and Social Psychology Review, 16(4), 351-374. https://doi.org/10.1177/1088868312440048 

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