Fremder oder Freund? Unter welchen Umständen sich der Kontakt zwischen Deutschen und Geflüchteten positiv auf das Zusammenleben auswirken kann

Konsistent mit den zuvor vorgestellten Studien konnten Wagner und van Dick (2001) zeigen, dass Befragte mit Personen ausländischer Herkunft in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis weniger Vorurteile gegenüber ethnischen Minderheiten haben. Bei genauerer Betrachtung zeigte sich zudem, dass die beiden Faktoren – also zum einen der Anteil ethnischer Minderheiten im jeweiligen Land und zum anderen interethnische Freundschaften – gemeinsam untersucht werden müssen: Besonders ungünstige Effekte hat der Anteil von Nicht-EU-AusländerInnen nämlich genau dann auf interethnische Einstellungen, wenn die Befragten keine Beziehungen zu Ausländerinnen und Ausländern hatten. Die Befragten, die angaben, keine ausländischen Bekannten oder Freundinnen und Freunde zu haben, aber in europäischen Ländern mit einem hohen Ausländeranteil leben, zeigten die allerhöchsten Vorurteile. Das heißt, Kontaktmöglichkeiten zu haben ohne diese zu nutzen, scheint zu besonders starken Vorurteilen zu führen. Bei Befragten mit ausländischen Freundinnen und Freunden hingegen waren die Vorurteile geringer – unabhängig davon, ob es in ihrem Land viele oder wenige Nicht-EU-AusländerInnen gab (Wagner & van Dick, 2001). Das heißt, Freundschaften scheinen Vorurteile zu verringern unabhängig davon, wie hoch der Anteil der ethnischen Minderheit ist. Auch dieser Befund deckt sich mit den Beobachtungen Schlüters (2006), dass die Empfänglichkeit für politische Propaganda, die das Flüchtlingsthema negativ darstellt, von den eigenen Kontakterfahrungen mit den betreffenden Gruppen abhängt. Je mehr Kontakt Studienteilnehmerinnen und Studienteilnehmer zu ethnischen Minderheiten hatten, desto weniger wurden sie durch negative Berichterstattung zu diesem Thema verunsichert. 

Für die aktuelle Flüchtlingssituation in Deutschland sind diese Studienergebnisse äußerst relevant. Sie legen nahe, dass die Aufnahme von Geflüchteten (und damit die neuen Kontaktmöglichkeiten) alleine keine Vorurteile reduziert. Nur wenn es gelingt, die Kontaktmöglichkeiten sinnvoll zu nutzen, können langfristig negative Einstellungen gegenüber Geflüchteten verhindert werden. Vielversprechende Beispiele für positive Kontaktmöglichkeiten sind zum Beispiel Initiativen wie das Welcome Dinner, welches es mittlerweile in einigen deutschen Städten gibt (welcome-dinner.de), oder ein gemeinsamer Nähkurs für Geflüchtete und Deutsche in Hamburg. Auf der Internetpräsenz der Tagesschau werden über 700 Projekte vorgestellt, die Geflüchteten dabei helfen sollen, sich über positiven Kontakt zu Deutschen in Deutschland einzuleben (www.tagesschau.de/fluechtlingsprojekte/). 

Bild 2: Geflüchtetes Mädchen und ehrenamtliche Helferin.    Originaltitel: Refugees and Volunteers Urheber: Rilee Yandt. Quelle: https://www.flickr.com/photos/world_relief_spokane/ 5498909574/Bild 2: Geflüchtetes Mädchen und ehrenamtliche Helferin. Originaltitel: Refugees and Volunteers Urheber: Rilee Yandt. Quelle: https://www.flickr.com/photos/world_relief_spokane/ 5498909574/

Gerade weil 2015 so viele Menschen zu uns gekommen sind, die einen von uns abweichenden ethnischen, kulturellen und zum Teil religiösen Hintergrund haben, und dies zudem massiv in den Medien diskutiert wird, ist es von größter Wichtigkeit, dass wir uns um persönliche Kontakte mit Geflüchteten bemühen. Offenbar ist es unser eigener, aktiver Umgang mit diesem Thema, der sich darauf auswirkt, wie verunsichert wir durch die aktuelle Situation sind und wie stark dementsprechend unsere Vorurteile gegenüber Geflüchteten ausgeprägt sind. 

Eine Barriere für den Kontakt zu Geflüchteten kann die Angst vor „den Fremden“ darstellen, die immer auch eine menschliche Reaktion auf Unbekanntes ist. Kontakterfahrungen mit anderen Gruppen können genau deswegen Vorurteile abbauen, weil sie die Angst vor der fremden Gruppe reduzieren (Pettigrew & Tropp, 2008). Ebenso menschlich scheint es zu sein, Mitglieder der eigenen Gruppe im Vergleich zu Mitgliedern anderer Gruppen bevorzugt zu behandeln (Gaertner et al., 1997). Gelingt es nun, Gemeinsamkeiten oder eine mögliche übergeordnete Identität von Deutschen und Geflüchteten zu unterstreichen, anstatt die Andersartigkeit der Geflüchteten und die möglichen Schwierigkeiten bei deren Integration zu betonen, ließen sich die Einstellungen gegenüber Geflüchteten sowie das ihnen gegenüber gezeigte Verhalten deutlich verbessern (Gaertner, Dovidio, Anastasio, Bachman & Rust, 1993). Einen ersten Schritt in diese Richtung können PolitikerInnen leisten. Durch die inzwischen mehrfach wiederholte Äußerung „Der Islam gehört (auch) zu Deutschland“ (Angela Merkel, 2015; Wolfgang Schäuble, 2006; Christian Wulff, 2010) wird außerdem deutlich, dass die Betonung einer gemeinsamen, übergeordneten Gruppenzughörigkeit nicht zwangsläufig bedeutet, die ursprüngliche Identität aufgeben zu müssen (Gaertner & Dovidio, 2000).  

Abschließend lässt sich unsere Frage – e mehr Kontakt zu Geflüchteten, desto besser für das gemeinsame Zusammenleben? – also mit „Ja“ beantworten. Dies gilt insbesondere dann, wenn der Anteil an Geflüchteten bzw. ethnischen Minderheiten an der Gesamtbevölkerung größer wird, so wie es für Deutschland schon jetzt feststeht (Statistisches Bundesamt: Mikrozensus – Bevölkerung mit Migrationshintergrund 2015). Es gibt eine seit Herbst 2015 anhaltende Welle der Hilfsbereitschaft und die vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer werden in aller Regel von den Erfahrungen, die sie persönlich machen, profitieren. Aber die Forschung zeigt auch, dass indirekte Kontakterfahrungen geeignet sind, Vorurteile abzubauen (Wright, Aron, McLaughlin-Volpe, & Ropp, 1997). Das heißt, auch bei den Freundinnen und Freunde derjenigen, die unter anderem als Helferinnen und Helfer Kontakterfahrungen machen, können sich positive Einstellungen ausbilden. Zudem gibt es erste Berichte davon, dass Dörfer mit schwindenden Einwohnerzahlen davon profitieren, dass durch den Zuzug von Geflüchteten Schulen nicht schließen müssen oder kleine Geschäfte überleben können. Aber nicht nur wir als Deutsche können von den Kontakterfahrungen zu Geflüchteten profitieren, sondern gleiches gilt für die Menschen, die bei uns Zuflucht suchen. Auch ihre Ängste vor „den Fremden“ können so abgebaut werden. Daher sollte es in unser aller Interesse sein, dass Menschen, die zusammen mit uns in diesem Land leben, uns auch kennenlernen – und umgekehrt. 

 

Referenzen

Allport, G. W. (1954). The nature of prejudice. Oxford, UK: Addison-Wesley.

Gaertner, S. L., & Dovidio, J. F. (2000). Reducing intergroup bias: The common ingroup identity model. Philadelphia, PA: The Psychology Press.

Gaertner, S. L., Dovidio, J. F., Anastasio, P. A., Bachman, B. A., & Rust, M. C. (1993). The common ingroup identity model: Recategorization and the reduction of intergroup bias. In W. Stroebe, & M. Hewstone (Eds.), European review of social psychology (Vol. 4, pp. 1-26). New York, NY: Wiley.

Gaertner, S. L., Dovidio, J. F., Banker, B., Rust, M., Nier, J., Mottola, G., & Ward, C. (1997). Does racism necessarily mean anti-Blackness? Aversive racism and pro-Whiteness. In M. Fine, L. Powell, L. Weis, & M. Wong (Eds.), Off white (pp. 167-178). London, UK: Routledge.

Kohl, H. (1992). Protokoll 3. Parteitag der CDU Deutschlands, Düsseldort, 26.-28. Oktober 1992 (S. 29). Herausgeber: Christlich Demokratische Union Deutschlands, Bonn. Online verfügbar unter http://www.kas.de/upload/themen/programmatik_der_cdu/protokolle/1992_Due...

Landmann, H., Aydin, A. L., van Dick, R., & Klocke, U. (2017). Die Kontakthypothese: Wie Kontakt Vorurteile reduzieren und die Integration Geflüchteter fördern kann. Das In-Mind Magazin, 5. Verfügbar unter http://de.in-mind.org/article/die-kontakthypothese-wie-kontakt-vorurteil...

Merkel, A. (2015). Angela Merkel bei einem Treffen mit dem türkischen Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu in Berlin am 12.01.2015. Online verfügbar unter https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2015/01/2015-01-12-mer...

Pettigrew, T. F., & Tropp, L. R. (2006). A meta-analytic test of intergroup contact theory. Journal of Personality and Social Psychology, 90(5), 751-783.doi: 1.1037/0022-3514.90.5.751

Pettigrew, T. F., & Tropp, L. R. (2008). How does intergroup contact reduce prejudice? Meta‐analytic tests of three mediators. European Journal of Social Psychology, 38(6), 922-934. doi: 10.1002/ejsp.504

Schäuble, W. (2006). Interview der Süddeutschen Zeitung mit Innenminister Wolfgang Schäuble zur Islamkonferenz, SZ, Nr. 222, 26.09.2006, S. 5. Online verfügbar unter http://www.deutsche-islam-konferenz.de/DIK/DE/Service/Bottom/RedenInterv...

Schlüter, E. (2006). Was erklärt fremdenfeindliche Einstellungen? Modellierung von Kontext- und individuellen Prädiktoren im Zeitverlauf. Paper presented at the colloquium of the Graduate School “Group Focused Enmity”, March 23, University of Marburg, Germany.

Semyonov, M., Raijman, R., Tov, A. Y., & Schmidt, P. (2004). Population size, perceived threat, and exclusion: A multiple-indicators analysis of attitudes toward foreigners in Germany. Social Science Research, 33(4), 681-701. doi: 10.1016/j.ssresearch.2003.11.003

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