„Rainer, the people are dancing on the wall“: Ein biografisches Interview mit Professor Rainer K. Silbereisen

 

Aus der Reihe:
Hinter den Kulissen der Psychologie: Die In-Mind Hintergrundinterviews

Interviewer: Martin Obschonka (Interview im Sommer 2016)

Vorwort:

Professor Rainer K. Silbereisen schaffte es ganz an die Spitze der akademischen Psychologie: Er war Präsident deutscher, europäischer und weltweiter Psychologie-Gesellschaften. Wie aber wurde aus dem leidenschaftlichen Jungprofessor im wilden Westberlin der 1970er und 1980er Jahre einer der produktivsten und erfolgreichsten deutschen Psychologen der Nachkriegszeit?

In seiner Forschung befasste sich der Entwicklungspsychologe Rainer K. Silbereisen oft mit Lebensläufen junger Menschen in sich wandelnden Kontexten. Auch er selbst kann sicherlich auf einen spannenden und recht unverhofften LebenslRainer Silbereisen an der Friedrich-Schiller- Universität Jena, Foto: Privat.auf zurückblicken. Einen Lebenslauf, eingebettet und aktiv mitbestimmt innerhalb sich massiv ändernder historischer, politischer und technologischer Kontexte: vom beschaulichen Schwarzwald, wo er aufwuchs, in das wilde Westberlin der 1968er Zeit, wo er Psychologie studierte und später bereits mit 33 Jahren Psychologieprofessor wurde, hin zum Professor in den USA an der Pennsylvania State University und schließlich zur Professur im ostdeutschen Jena mit Start nur wenige Jahre nach der Wende.

Das Team von In-Mind hat sich daher sehr gefreut, dass sich Professor Silbereisen, jetzt emeritierter Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Jena, für ein ausführliches Hintergrundinterview bereit erklärt hat. Wir konnten dabei vieles erfahren, was man nicht in den Lehrbüchern und wissenschaftlichen Artikel lesen kann. Das Interview führte Professor Martin Obschonka, In-Mind-Mitherausgeber und ehemaliger Doktorand und Habilitand von Professor Silbereisen.

Mehr Informationen zu Professor Silbereisen mit ausführlichem Lebenslauf: http://www.rainersilbereisen.de

1. Der Weg zur Psychologie

MO: Lieber Rainer, vielen Dank, dass du für dieses Interview zur Verfügung stehst. Psychologinnen und Psychologen hören ja oft die Frage, warum sie diesen Beruf ergreifen wollten. Jetzt möchte ich die Frage mal an dich weitergeben: Wie bist du zur Psychologie gekommen?

  • RKS: Wie ich zur Psychologie gekommen bin, ist ähnlich durchwachsen, wie es wahrscheinlich in den meisten Fällen ist. Von meiner familiären Herkunft her war ausgemacht, dass ich Ingenieurwissenschaft R. K. Silbereisen als Kind (links) mit seiner Familie (Foto: Privat)studieren sollte. Danach stand mir aber nicht der Kopf. Nach langem hin und her habe ich dann zugestimmt, mich darin einzuschreiben. Gleich nach der Einschreibung habe ich die Einschreibungsunterlagen aber weggeworfen und mich dann für Medizin beworben. Als ich den Studienplatz in Medizin hatte, hat es mich dann aber gar nicht mehr interessiert. Mir wurde klar, dass ich jemand anderem mit diesem Studienplatz imponieren wollte. Und dann gab es einen Klassenkameraden, der studierte in Münster und sagte, Psychologie sei ganz toll und es gäbe tolle Professoren und es hätte auch mit Mathematik zu tun. Und so kam ich nach Münster und ich merkte, dass mich die Psychologie interessierte und dass das wahrscheinlich auch vorher schon so war. Schließlich war mein Jugendzimmer voll mit Büchern von Autoren wie Konrad Lorenz oder Karl Marx. Und dann die Kombination vom linksorientierten Schüler mit Protest gegen das Elternhaus – da war R. K. Silbereisen als Schüler (Foto:Privat)Psychologie schon ganz richtig. Interessanterweise ging es dann aber nicht in die Richtung wie man es vielleicht erwarten würde, sondern das Fach wurde sehr schnell wissenschaftlich.

MO: In einem autobiografischen Buchkapitel schreibst du über deinen Vater, der Ingenieur war und dich gerne in den Ingenieurwissenschaften gesehen hätte. Du beschreibst, wie damals die Frage aufkam, ob Psychologie denn überhaupt eine harte Wissenschaft wäre. Gibt es aus deiner Sicht auch heute noch eine solche Diskussion zur Wissenschaftlichkeit der Psychologie?

  • RKS: Viele Studierende, die sich für Psychologie bewerben, sind motiviert zum Dienst am Menschen. So erklärt es sich, dass heute sehr viele unserer Studierenden beruflich eigentlich in denR. K. Silbereisen in seinem Jugendzimmer (Foto: Privat) Bereich Psychotherapie einsteigen möchten. Das war zu meiner Studentenzeit völlig anders. Die Psychologie bemühte sich kräftig, so naturwissenschaftlich wie möglich zu sein. Für meinen persönlichen Lebenslauf, als Wissenschaftler, Mensch und Bürger, wurde aus meinem Interesse für Ingenieurwissenschaft einerseits und für wissenschaftliche Psychologie andererseits eine glückliche Mischung, weil ich das eine als Hobby und das andere als Beruf machen konnte. Aber für die Anerkennung meines Vaters, der selbst erfolgreicher Ingenieur war, musste ich schon kämpfen. Als ich ihn 1987 beruflich einmal von einem Workshop aus Peking anrief, konnte er es schier nicht fassen, dass ein simpler Psychologe tatsächlich dienstlich in Peking ist.

MO: Heute bemängeln viele, dass das Studium als verschult gilt. Man bekommt seinen Stundenplan praktisch vorgesetzt und kann wenig nach links und rechts gucken. Würdest du das auch so sehen? Und siehst du das eher als Chance oder Herausforderung?

  • RKS: Wir hatten zu meiner Zeit als Student keine wirkliche Anregungsstruktur außer der Prüfungsordnung sowie den Vorlesungen und Seminaren. Es zählte nur der eigene Antrieb. Wir hatten positive und auch negative Rollenmodelle und alles war maximal entfernt von Schule. Das war an sich eine beständige Überforderung. Die Studierenden heute sind anders. Das Studium ist viel strukturierter. Wie stark man gefordert ist, hängt nicht bloß von der eigenen Motivation und vom eigenen Kopf ab.

MO: Nicht nur gestresst oder eingespannt zu sein, sondern auch mal über den Tellerrand hinauszugucken, noch mal etwas ganz anderes zu machen. Beschreibt das eure damalige Motivation?

  • RKS: Wir hatten in meiner Generation das beständige Gefühl, der Gesellschaft hinreichend dienlich sein zu wollen, dachten aber zugleich, die Gesellschaft müsste sich radikal verändern. Und das war dann der Anstoß, nach Anwendungen psychologischer Erkenntnisse zu suchen. Wenn ich meinen eigenen Lebenslauf betrachte, dann habe ich das schon als Schüler verspürt. Vor allem soziale Ungleichheit hat mich immer interessiert.

MO: Hattest du denn den Drang und die Freiheit, dieses Interesse auch in die Tat umzusetzen damals? Also nicht nur zu reden, sondern auch zu handeln?

  • RKS: Ja, die Freiheit hat man aber vor allem als Forderung und zum Teil auch als Belastung erlebt. Man muss vor allem bedenken, dass es durch die Bildungsexpansion viele Professorenstellen gab, die mit Leuten besetzt wurden, die kaum älter waren als wir selber. Wir haben uns einerseits viel zu früh akademisch erwachsen gegeben und andererseits durch die uns zufliegenden Chancen sehr früh Verantwortung übernommen und damit Kompetenz gewonnen. Heute versuche ich, es anders zu machen, indem ich zwar Verantwortung abgebe und gewähren lasse, aber immer als Mentor zur Seite stehe. Damals wurden wir viel zu früh zu selbstständig. Dies führte dazu, dass wir eine zu schmale Kompetenzbasis, verglichen mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland hatten. Verglichen mit Personen, die damals in den USA promovierten, waren wir vielleicht politisch und lektüremäßig voraus, aber wir hatten keine wirklich fundierten Problemlösekompetenzen im Fach. Diese haben wir dann erst später erworben.

2. Der Schritt zum Professor

Rainer Silbereisen porträtiert von Helio Carpentero (Copyright www.rainersilbereisen.de) MO: Ende der 1970er Jahre bist du sehr jung Professor geworden. Dabei gibt es diese Geschichte der „schwarzen Liste“, die in deiner Berufung angeblich eine wichtige Rolle gespielt hat…

  • RKS: Ich war damals links von der Sozialdemokratie. Es gab besorgte Konservative, die gewisse Namen notierten und Namen weitervermittelten. Das waren durchaus R. K. Silbereisen als junger Professor in einer Diskussion (Foto: privat)Karrierehindernisse auf dem Weg zum Professor. Das habe ich am eigenen Leib erfahren. Aber ich hatte dabei auch ein Erlebnis, das mir den Vorteil der Demokratie darstellte. Eine politisch hoch gestellte Person, die auf eine solche Liste stieß und mich in der Bewerbungsphase auf eine Professur deshalb erst abgelehnt hatte, hat später meinen Rat erfragt, sich sogar entschuldigt und mich zur Professur beglückwünscht.

3. Das wilde Westberlin und die Kinder vom Bahnhof Zoo

MO: Als junger Professor in Berlin Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre hattest du Westberlin vor Augen und du hattest zu den „Kindern vom Bahnhof Zoo“, also den Drogenabhängigen geforscht, die sich am Westberliner Bahnhof Zoo trafen und über die es das berühmte Buch und den Kinofilm gab. Wie kam es dazu und was habt ihr dabei herausgefunden?
  • Blick aus dem Forschungsbüro der Technischen Universität Berlin auf den Berliner Bahnhof Zoo (Foto: privat)RKS: Letztlich wurde ich zum Professor in Berlin berufen, weil es das soziale Problem der jugendlichen Prostituierten und Drogenabhängigen gab. Daraus entwickelte sich die Idee, aus der Betreuung der Jugendlichen richtige Forschung zu machen. In unserem Forschungsprojekt zu den Kindern vom Bahnhof Zoo (unser Büro war direkt gegenüber vom Bahnhof Zoo gelegen) haben wir Entwicklungspsychologie und sozial auffälliges Verhalten zusammengebracht. Später nannte man das dann Entwicklungspsychopathologie. Dabei geht man davon aus, dass zwischen gelungener und nicht gelungener Entwicklung häufig ein fließender Übergang besteht. Eine fundamentale Erfahrung war, dass wir das Glück hatten, im damals noch sozialistischen Polen praktisch die gleiche Studie machen zu können und dabei festzustellen, dass es starke Gemeinsamkeiten zu den Entwicklungspfaden der Westberliner Drogenabhängigen gab.

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