Zufriedener durch Achtsamkeit?

Achtsamkeit im Alltag

Achtsamkeit kann man auch ohne ein Trainingsprogramm im Alltag anwenden. Jon Kabat-Zinn (1994) argumentiert, dass Meditationen zwar eine gute Möglichkeit darstellen, Achtsamkeit zu kultivieren, dass aber die eigentliche Bedeutung von Achtsamkeit im Alltag zum Tragen kommt, es also darum geht, sich Erfahrungen bewusst und akzeptierend zuzuwenden. So zeigte zum Beispiel eine Studie, dass bereits durch eine kurze Achtsamkeitsanleitung eine vermeintlich langweilige Alltagstätigkeit wie Geschirrspülen positiver erlebt werden kann (Hanley, Warner, Dehili, Canto & Garland, 2015). In dieser Studie las eine Gruppe von Studienteilnehmenden vorher einen kurzen Text, in dem beschrieben wurde, wie man dem Abwaschen neugierig begegnen kann, indem man Porzellan, Wasser und Spülmittel aktiv wahrnimmt (Achtsamkeitsanleitung). Eine andere Gruppe las eine neutrale Beschreibung über das Abwaschen ( Kontrollgruppe). Die Gruppe, die eine Achtsamkeitsanleitung erhielt, erlebte die Aufgabe als inspirierender im Vergleich mit der Kontrollgruppe.

Aktuelle Technologien ermöglichen bereits, dass Achtsamkeit im Alltag mithilfe von Smartphone-Applikationen (Apps) geübt werden kann. Empirisch getestet wurde zum Beispiel eine App, die die Teilnehmenden an zehn Tagen jeweils zu zehnminütigem Achtsamkeitstraining motivierte. Personen, die diese App nutzten, zeigten eine Steigerung positiver Stimmung im Vergleich zu einer Kontrollgruppe (Howells, Ivtzan & Eiroa-Orosa, 2016). Achtsamkeit im Alltag. Bild von Benjamin Combs via Pexels (https://www.pexels.com/photo/woman-holding-cup-near-window-reflected-with-sun-197394/), cc (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/)

Achtsamkeit bedeutet jedoch nicht, nur mit sich selbst beschäftigt zu sein oder sich mit einem Status Quo abzufinden. Etwas zu akzeptieren, heißt in diesem Zusammengang also nicht, es zu befürworten: Der vietnamesische Mönch Thích Nhất Hạnh beschreibt dies sehr eindrücklich in seinem Buch „Ich pflanze ein Lächeln“. Während des Bombardements vietnamesischer Dörfer im Vietnamkrieg mussten er und die anderen Mönche entscheiden, ob sie ihre Meditationshallen verlassen sollten, um den Menschen zu helfen. Die Antwort lautete: „Nach reiflicher Überlegung beschlossen wir, beides zu tun – hinauszugehen und den Leuten zu helfen und es in Achtsamkeit zu tun.[…] Achtsamkeit muss engagiert sein. Auf das Sehen muss das Handeln folgen. Was nützt denn sonst das Sehen?“ (S. 103).

Grenzen von Achtsamkeit

Achtsamkeit hat sich in den letzten Jahren zu einem vermeintlichen „Allheilmittel“ für ganz unterschiedliche Problematiken entwickelt. Da Achtsamkeit wie beschrieben prinzipiell in jeder Lebenslage praktiziert werden kann, ist dies auch nachvollziehbar. Wichtig ist allerdings, dass alle Programme (oder Apps) in ihrer Wirksamkeit überprüft werden, was nicht immer der Fall ist. Auch große Unternehmen nutzen Achtsamkeitsmeditationen bereits zur Vorbeugung von Stress für ihre Belegschaft. Doch nicht immer setzen Unternehmen Achtsamkeit nur zum Wohle der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sondern auch zur Steigerung der Produktivität ein (siehe z. B. Bericht von Focus Online, 2016). Wie bei allen Methoden wirken auch Achtsamkeitstrainings nicht bei allen Menschen gleich. Das heißt auch, dass Achtsamkeit für manche Personen ungeeignet sein kann. So gibt es beispielsweise eine kritische Debatte über den Einsatz von achtsamkeitsbasierten Verfahren bei Personen mit Psychosen; daneben können Meditationen im Allgemeinen zu Angst oder Anspannung führen, wenn es dabei zu einer Konfrontation mit negativem Erleben kommt (einen Überblick bieten Dobkin, Irving & Amar, 2012). Wenn man also merkt, dass Achtsamkeit für einen persönlich nichts ist, sollte das kein Grund zur Beunruhigung sein – ein Allheilmittel stellt vermutlich auch Achtsamkeit nicht dar.

Zufriedener durch Achtsamkeit?

Achtsamkeit beschreibt die Lenkung der Aufmerksamkeit auf den aktuellen Moment in einer akzeptierenden Art. Diese Haltung hat sich als förderlich für das Wohlbefinden herausgestellt und kann durch strukturierte Meditationsprogramme eingeübt werden. Dabei wird beispielsweise gelernt, negative Gedanken und Gefühle zuzulassen, ohne sich in diesen zu verlieren, sodass auch solche Zustände vorbeiziehen können. Aber auch wer keine Zeit oder Lust hat, sich auf das Meditationskissen zu begeben, kann im Alltag achtsam sein: Ein Sticker auf dem Smartphone kann zum Beispiel eine Erinnerungshilfe dafür darstellen, nicht nebenbei noch schnell die E-Mails zu lesen oder soziale Netzwerke zu nutzen. So kann man sich mehr auf die eigenen Handlungen und Wahrnehmungen besinnen und mal wieder einen Kaffee oder ein Essen ganz bewusst genießen, ohne sich nebenbei mit anderen Dingen abzulenken.

Referenzen

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Howells, A., Ivtzan, I. & Eiroa-Orosa, F. J. (2016). Putting the ‘app’ in happiness: A randomised controlled trial of a smartphone-based mindfulness intervention to enhance wellbeing. Journal of Happiness Studies, 17, 163–185.

Kabat-Zinn, J. (1994). Wherever you go, there you are: Mindfulness meditation in everyday life. New York, NY: Hyperion.

Pickert, K. (2014, Februar 03). The mindful revolution. Time Magazine. Abgerufen unter https://www.facebook.com/notes/rain-lai/the-achtsam-revolution-kate-pick... (29.08.2016)

Segal, Z. V., Williams, J. M. G. & Teasdale, J. D. (2002). Mindfulness-based cognitive therapy for depression: A new approach to preventing relapse. New York, NY: Guilford.

Tang, Y. Y., Hölzel, B. K. & Posner, M. I. (2015). The neuroscience of mindfulness meditation. Nature Reviews Neuroscience, 16, 213–225.

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