Essen, was (vermutlich) schmeckt: Wie Geschmackserwartungen Ernährung und Gesundheit beeinflussen

Essen soll schmecken –  darin sind sich die Deutschen einig (Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, 2019). Doch was schön und nachvollziehbar klingt, kann schnell zum Problem werden: Leider sind viele der Gerichte, die uns beim Gedanken an leckeres Essen einfallen, ungesund. Müssen wir uns also entscheiden – entweder lecker oder gesund? Aktuelle psychologische Forschung gibt Entwarnung: Auch gesunde Speisen können gut schmecken. Wenn wir uns das bewusst machen, können wir uns einfacher gesund ernähren und schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen vorbeugen.

pancakesPizza, Burger, Eisbecher – bei der Frage nach leckeren Speisen fallen uns oft ungesunde Dinge ein. Heißt das also, dass gesunde Lebensmittel wie Obst und Gemüse nicht lecker sind?  Um diese Frage zu untersuchen, haben wir 38 Teilnehmende mit einer Smartphone- App ausgestattet. Mit dieser haben sie eine Woche lang ihre Mahlzeiten fotografiert und den Geschmack bewertet. Wenig überraschend zeigte sich, dass eine Mahlzeit, die Süßigkeiten enthielt, als überdurchschnittlich schmackhaft bewertet wurde. Das Gleiche zeigte sich aber auch für Mahlzeiten, die Gemüse enthielten. Die Daumenregel „Nur ungesund ist lecker“ ist also eine Fehlannahme: Gemüse kann mindestens genauso gut schmecken wie beispielsweise Süßigkeiten (Wahl et al., 2017).

Die möglicherweise weitreichenden Konsequenzen dieser Erkenntnis zeigt ein aktuelles internationales Projekt vom Team um Barbara Briers (2020). In zwei Studien befragte das Team insgesamt über 8000 Personen, ob sie glaubten, gesunde Speisen würden weniger gut schmecken als ungesunde. Außerdem erfassten sie, wie viel Obst und Gemüse die Teilnehmenden aßen, und den Body-Mass Index (BMI) als einen Indikator für Übergewicht, also eine mögliche langfristige Folge von ungesunder Ernährung. Tatsächlich hatten Personen, die gesunde Speisen als weniger lecker ansahen, einen höheren BMI. Dieser Effekt konnte dadurch erklärt werden, dass diese Personen weniger Gemüse aßen. 

Wer also glaubt, dass Gemüse nicht so gut schmeckt, isst weniger davon und erhöht damit das Risiko, übergewichtig zu werden. Wer allerdings ungesunde Speisen nicht automatisch leckerer findet, isst mehr Gemüse, was langfristig zu einem niedrigeren Körpergewicht führt. Könnte der Zusammenhang aber nicht auch andersherum bestehen – wer mehr Gemüse isst, findet es auch leckerer? Um diese Möglichkeit auszuschließen, hat das Team ein sogenanntes Längsschnittdesign verwendet. Das bedeutet, dass die Teilnehmenden zu zwei Zeitpunkten befragt wurden. 2016 wurde erfragt, ob sie ungesunde Speisen leckerer fänden als gesunde Speisen. Ein Jahr später wurde dann ihre Ernährung und der BMI erfasst. Es ist also unwahrscheinlich, dass sich der Verzehr von Gemüse im Jahr 2017 auf die Wahrnehmung des Geschmacks von gesunden und ungesunden Speisen im Jahr 2016 ausgewirkt hat.

Diese Analysen zeigen eindrücklich, dass sich unsere Wahrnehmung von Speisen direkt auf unser Verhalten und somit langfristig auf unsere Gesundheit auswirken kann. Achtet also vielleicht einmal selbst darauf: Glaubt ihr, dass gesunde Speisen weniger lecker sind? Und stimmt das tatsächlich mit euren Erfahrungen im Alltag überein? Vielleicht lohnt es sich doch, dem vermeintlich langweiligen Gemüse eine zweite Chance zu geben.

 

Quellen:

Briers, B., Huh, Y. E., Chan, E., & Mukhopadhyay, A. (2020). The unhealthy = tasty belief is associated with BMI through reduced consumption of vegetables: A cross-national and mediational analysis. Appetite, 104639.

Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (2019). Deutschland, wie es isst. Der BMEL-Ernährungsreport 2019. Berlin: Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft.

Wahl, D. R., Villinger, K., König, L. M., Ziesemer, K., Schupp, H. T., & Renner, B. (2017). Healthy food choices are happy food choices: Evidence from a real life sample using smartphone based assessments. Scientific Reports, 7, 17069.

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