Gewalterfahrungen in der Kindheit am Beispiel des deutschen Ost-West Vergleichs: Die Rolle von Gesellschaft und Politik
Unterscheiden sich Gewalterfahrungen in der Kindheit zwischen Ost- und Westdeutschland? Bevölkerungsstudien zeigen tatsächlich Unterschiede. Forschung aus dem DDR-Psych-Projekt legt nahe, dass gesellschaftliche Strukturen, wie etwa Kinderbetreuung oder Geschlechterrollen, das Risiko von Gewalt in der Kindheit mitprägen können. Um diese Unterschiede zu verstehen, lohnt sich der Blick über Familien hinaus und hin zu den sozialen und politischen Rahmenbedingungen, in denen Kindheit stattfindet.
Wenn über körperliche, emotionale sowie sexualisierte Gewalt gegen Kinder gesprochen wird, stehen meist individuelle Täter:innen oder familiäre Dynamiken im Mittelpunkt. Doch Kindheit findet nicht im luftleeren Raum statt. Familien leben in bestimmten gesellschaftlichen Kontexten mit spezifischen Normen, Institutionen und politischen Rahmenbedingungen. Genau diese Perspektive rückt eine Reihe von Studien in den Fokus, die Kindheitserfahrungen in Ost- und Westdeutschland vergleichen (Helmert et al., 2024; Kasinger et al., 2025; Ulke et al., 2021).
Eine große repräsentative Bevölkerungsstudie (Ulke et al., 2021) untersuchte retrospektiv berichtete Formen von Gewalterfahrungen in der Kindheit bei Erwachsenen aus beiden ehemaligen deutschen Nationen. Dabei zeigte sich: Einige Formen von Gewalterfahrung wurden in der ehemaligen Bundesrepublik (BRD) häufiger berichtet als in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Die Ergebnisse überraschen zunächst – gerade vor dem Hintergrund verbreiteter Annahmen über autoritäre Erziehungsstile und politischer Gewalt in der DDR. Doch die Forschenden argumentieren, dass Unterschiede zwischen Gesellschaftssystemen auch unterschiedliche Risikokonstellationen für Gewalt hervorbringen können (Ulke et al., 2021).
Um diese Befunde zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf strukturelle Unterschiede zwischen Ost und West vor der Vereinigung 1990. Ein häufig diskutierter Faktor ist die institutionalisierte Kinderbetreuung. In der DDR besuchten viele Kinder früh und regelmäßig Krippen und Kindergärten; die Kinderbetreuung war stärker kollektiv organisiert. Eine aktuelle Untersuchung aus Ostdeutschland deutet darauf hin, dass frühe institutionelle Betreuung nicht mit höheren Raten berichteter Gewalterfahrung verbunden ist (Helmert et al., 2024). Im Gegenteil könnte die regelmäßige Einbindung von Kindern in öffentliche Betreuung auch eine Form sozialer Kontrolle darstellen: Pädagogische Fachkräfte sehen Kinder täglich und Veränderungen oder Belastungen bleiben dadurch weniger verborgen. Wo Kinder stärker in öffentliche Strukturen eingebunden sind, entstehen mehr Kontaktpunkte außerhalb der Familie. Das kann Risiken sichtbar machen – und möglicherweise auch präventiv wirken.
Ein zweiter möglicher Faktor betrifft Geschlechterrollen und Erwerbsarbeit der Frauen (Ulke et al., 2021). In der DDR waren Frauen systemgewollt deutlich häufiger erwerbstätig als in der BRD. Die strukturelle Machtdifferenz zwischen Männern und Frauen verringert sich, wenn Frauen erwerbstätig sind, insbesondere weil ihre finanzielle Abhängigkeit vom Partner abnimmt. In der Folge verändern sich auch partnerschaftliche Dynamiken und potenzielle Belastungen innerhalb der Beziehung, was sich günstig auf das Familienleben auswirken kann. Zusammengefasst argumentieren die Autor:innen, dass wenn Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung und soziale Absicherung anders verteilt sind, sich auch der Alltag in Familien – und damit potenziell das Risiko für Gewalt – verändern kann.
Allerdings wäre es zu einfach, daraus eine eindeutige Erfolgsgeschichte der DDR abzuleiten. Gesellschaftliche Systeme bringen immer auch neue Risiken hervor. Historische Berichte zeigen beispielsweise, dass autoritäre Erziehungsmuster oder körperliche Bestrafung in vielen Kontexten verbreitet waren – sowohl im Osten als auch im Westen. Unterschiede in berichteten Erfahrungen können zudem durch Erinnerung, gesellschaftliche Tabus oder unterschiedliche Definitionen von Gewalt beeinflusst sein. Hinzu kommt: Die meisten Daten beruhen auf retrospektiven Befragungen von Erwachsenen. Sie geben wichtige Hinweise auf gesellschaftliche Muster, erlauben aber keine einfachen kausalen Schlussfolgerungen. Auch innerhalb von Ost- und Westdeutschland gab und gibt es große soziale Unterschiede – etwa nach Bildung, sozialer Lage oder familiären Belastungen.
Trotz dieser Einschränkungen machen die Studien deutlich, wie wichtig der Blick auf den gesellschaftlichen Kontext ist. Gewalt gegen Kinder entsteht nicht nur in individuellen Beziehungen. Sie wird auch von Strukturen beeinflusst. Die Frage nach Unterschieden zwischen Ost und West führt deshalb zu einer grundsätzlicheren Einsicht: Prävention von Gewalterfahrungen in der Kindheit ist nicht nur eine Aufgabe einzelner Familien oder Institutionen. Sie ist auch eine gesellschaftliche Aufgabe. Wenn Kinder in stabilen sozialen Netzen aufwachsen, wenn Betreuungseinrichtungen gut ausgestattet sind und wenn Gewalt früh erkannt wird, können Risiken sinken. Oder anders gesagt: Um Kinderschutz zu verstehen, reicht der Blick in die Familie allein nicht aus. Man muss auch die Gesellschaft betrachten.
Literaturverzeichnis
Helmert, C., McLaren, T., Fleischer, T., Ulke, C., Altweck, L., Hahm, S., Muehlan, H., Kriechel, L., Beutel, M. E., Schmidt, S., Schomerus, G., Brähler, E. & Speerforck, S. (2024). Institutionalisierte Kindesbetreuung im Vorschulalter und berichtete Misshandlungen: Eine Befragung in Ostdeutschland [Institutionalised Pre-School Childcare and Reported Maltreatment: A Survey in East Germany]. Psychiatrische Praxis. Vorab-Onlinepublikation. https://doi.org/10.1055/a-2416-0998
Kasinger, C., Heiner, S., Heller, A., McLaren, T., Beutel, M., Clemens, V. & Brähler, E. (2025). Legacy of the GDR: regional disparities in childhood maltreatment in post-unification Germany. Child and adolescent psychiatry and mental health, 19(1), 22. https://doi.org/10.1186/s13034-025-00876-7
Ulke, C., Fleischer, T., Muehlan, H., Altweck, L., Hahm, S., Glaesmer, H., Fegert, J. M., Zenger, M., Grabe, H. J., Schmidt, S., Beutel, M. E., Schomerus, G., Brähler, E. & Speerforck, S. (2021). Socio-political context as determinant of childhood maltreatment: a population-based study among women and men in East and West Germany. Epidemiology and Psychiatric Sciences, 30. https://doi.org/10.1017/S2045796021000585
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