Kein Weg zurück: Warum Fake News über Corona hängenbleiben, selbst wenn wir wissen, dass sie fehlerhaft sind

Injiziertes Desinfektionsmittel, Impfzwang, 5G – besonders in Zeiten der Corona-Pandemie verbreiten sich Fake News wie ein Lauffeuer. Meist werden diese Fehlinformationen kurze Zeit später wieder zurückgezogen oder korrigiert. Doch aktuelle Forschung zeigt, dass auch längst widerrufene Informationen in den Köpfen der Menschen verbleiben und sie nachhaltig beeinflussen – mit teils fatalen Folgen.

Wenn Sie Kopfschmerzen oder Fieber haben, greifen Sie zu Ibuprofen oder zu Paracetamol? Hätten Sie vor Beginn der Corona-Krise eine andere Antwort auf diese Frage gegeben? Falls ja, wurden Sie wahrscheinlich durch eine der zahlreichen Falschmeldungen, die seit Beginn der Pandemie kursieren, beeinflusst. Die Folgen von Fehlinformationen und Fake News können fatal sein: Die Empfehlung, hochkonzentrierten Alkohol zu trinken, um einer Corona-Infektion vorzubeugen, kostete nach aktuellen Schätzungen etwa 800 Menschen das Leben und brachte mehr als 5000 weitere ins Krankenhaus (Islam, M. S. et al., 2020). Dass Falschmeldungen einen solch beträchtlichen Einfluss haben können, selbst wenn sie bereits widerrufen wurden, liegt am sogenannten Perseveranzeffekt, der in diesem Artikel erläutert wird.

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Ibuprofen und Corona

Am 14. März 2020 kursierte eine Sprachnachricht auf WhatsApp: In der Uniklinik Wien habe man herausgefunden, dass Ibuprofen den Krankheitsverlauf von COVID-19 verschlimmern könne. Noch am selben Tag tweetete der französische Gesundheitsminister (und ausgebildete Mediziner) Olivier Véran, man solle bei Fieber lieber zu Paracetamol greifen, da Ibuprofen Corona-Symptome verschlimmern könne. Später sprach die WHO dieselbe Empfehlung aus.

Drei Tage dauerte es, bis die Nachricht ihren Weg in die Medien, Politik und die Köpfe der Menschen gefunden hatte. Doch wie lange würde es dauern, dieselbe Information wieder aus den Köpfen zu entfernen, nachdem sie sich als falsch entpuppt hatte?

Schon am 17. März stellte die Uniklinik Wien klar, dass es sich bei der Meldung um Fake News handelte. Prompt erfolgte der Widerruf durch die europäische Arzneimittelagentur (EMA) und auch die WHO zog ihre Warnung zurück: „Auf der Basis der heute vorhandenen Informationen rät die WHO nicht von der Einnahme von Ibuprofen ab“.

Doch die Korrektur konnte nicht mehr verhindern, dass Menschen „sicherheitshalber“ vermehrt Paracetamol kauften. Die Folge war eine plötzliche Paracetamol-Knappheit, aufgrund derer Bundesgesundheitsminister Spahn Apotheken dazu auffordern musste, Paracetamol nur noch im alternativlosen Notfall an Endverbraucher abzugeben.

Wie kann eine doch längst widerrufene Information solche Folgen haben?

Perseveranz 

Dieses Phänomen ist erklärbar durch den sogenannte Perseveranzeffekt: Dieser beschreibt, dass Informationen oder Eindrücke oft so stark prägen, dass eine einmal gebildete Meinung auch durch später hinzukommende neue Informationen – oder sogar durch den expliziten Widerruf der ursprünglichen Information – kaum noch verändert werden kann. Menschen glauben zum Beispiel an bereits widerrufene Informationen aus Zeitungsartikeln (Rich & Zaragoza, 2015), an zurückgezogenes Feedback über die eigene Person oder die eigene Leistung (Miketta & Friese, 2019) und halten häufig an falschen ersten Eindrücken über andere Personen fest (Epley & Kruger, 2005). 

Doch warum glauben Menschen weiterhin so stark an falsche Informationen, obwohl diese eindeutig widerlegt wurden? Hierfür gibt es verschiedene Erklärungsansätze.

Vor allem bei überraschenden, extremen oder unerwarteten Ereignissen wollen Menschen wissen, was die Ursache sein könnte. Sie bilden Theorien über den Zusammenhang zwischen einer möglichen Ursache und einer daraus folgenden Konsequenz. Wenn die Konsequenz für ungültig erklärt wird, bleibt die Ursache allerdings weiterhin kognitiv verfügbar. Da Menschen grundsätzlich nach kausalen Zusammenhängen suchen, können sich solche „alleinstehenden“ Ursachen verselbstständigen und zur Generierung neuer möglicher Konsequenzen führen, die den ursprünglichen stark ähneln (Chan, Jones, Jamieson, & Albarracín, 2017). Wenn also die Nachricht kursiert, dass Ibuprofen den Krankheitsverlauf von COVID-19 negativ beeinflusst, macht man sich automatisch Gedanken dazu, warum dies so sein könnte. Vielleicht hat man davon gehört, dass Ibuprofen im Gegensatz zu Paracetamol die Blutgerinnung hemmt und somit bei schweren Verläufen von COVID-19 leichter innere Blutungen verursachen könnte. Wird widerrufen, dass die Einnahme von Ibuprofen einen Risikofaktor für den Verlauf von COVID-19 darstellt, bleibt die Information bezüglich der Blutgerinnung davon unberührt und aktiv. Man würde nun spekulieren, welche Auswirkungen es hat, dass Ibuprofen die Blutgerinnung hemmt, Paracetamol aber nicht, und erneut zu dem Schluss gelangen, dass es im Zweifelsfall aktuell sicherer sein könnte, Paracetamol anstelle von Ibuprofen einzunehmen. Der Widerruf der Originalinformation wäre somit für das Verhalten wirkungslos.

Hinzu kommt, dass durch die netzartige Struktur, in der Informationen in unserem Gehirn abgespeichert werden, Inhalte automatisch mit anderen Inhalten verknüpft sind. Wird eine Information als falsch deklariert, bleiben die Verknüpfungen dennoch intakt und führen zu einer weiteren Beschäftigung mit der bereits widerrufenen Information (McFarland, Cheam, & Buehler, 2007). Auch die mit der Information einhergehenden emotionalen Reaktionen können bei Perseveranz eine Rolle spielen: Emotionen stellen eine von Fakten und Gedanken unabhängige Erfahrung dar, die in jedem Fall real passiert ist und daher auch über einen Widerruf hinaus einen Einfluss haben kann (Sherman & Kim, 2002).

Kann man dem Perseveranzeffekt entgegenwirken?

Eine Möglichkeit, Informationen effektiver zurückzuziehen, ist eine simple Wiederholung des Widerrufs. Doch selbst nach mehrmaliger Wiederholung des Widerrufs wirken Informationen weiterhin nach – lediglich schwächer als vorher (Ecker, Lewandowsky, Swire, & Chang, 2011).

Eine weitere Strategie könnte darin bestehen, aktiv Gegenargumente zu generieren (Chan et al., 2017). Auch die Bereitstellung detaillierter Hintergrundinformationen stellte sich als hilfreich heraus (Miketta & Friese, 2019). Doch auch diese beiden Maßnahmen helfen lediglich, den Perseveranzeffekt abzuschwäche, nicht jedoch, ihn vollständig zu beseitigen. 

Bedauerlicherweise wurde bislang noch keine Methode gefunden, eine einmal gegebene Information erfolgreich und vollständig zurückzunehmen.

Bedeutung der Perseveranz für die Praxis

Was bedeuten die Erkenntnisse zum Perseveranzeffekt für unseren Umgang mit Informationen? Bei neuen Meldungen und Gerüchten ist stets Vorsicht und kritisches Denken geboten. Dies gilt insbesondere für Meldungen über wenig erforschte Phänomene wie das Coronavirus. Einige der Theorien, die heute aktiv diskutiert werden, könnten durch zukünftige Forschungsarbeiten widerlegt werden. 

Bleiben wir also in gesundem Ausmaß skeptisch, vor allem auch unseren eigenen Überzeugungen gegenüber.  Eine grundsätzlich skeptische Haltung fördert die Suche nach gegenteiligen Informationen und das Generieren von Gegenargumenten und lässt uns zweimal nachdenken, bevor wir eine Meldung weiterleiten, die sich vielleicht als falsch herausstellt, sich aber dennoch ungehindert in den Köpfen anderer festsetzt. Wir alle können durch verantwortungsvolles Verhalten dazu beitragen, Fake News und Verschwörungstheorien nicht ungeprüft zu verbreiten.

 

Quellen:

Chan, M. S., Jones, C. R., Jamieson, K. H., & Albarracín, D. (2017). Debunking: A meta-analysis of the psychological efficacy of messages countering misinformation. Psychological Science, 28(11), 1531–1546. https://doi.org/10.1177/0956797617714579

Ecker, U. K., Lewandowsky, S., Swire, B., & Chang, D. (2011). Correcting false information in memory: Manipulating the strength of misinformation encoding and its retraction. Psychonomic Bulletin & Review, 18(3), 570–578. https://doi.org/10.3758/s13423-011-0065-1

Epley, N., & Kruger, J. (2005). When what you type isn’t what they read: The perseverance of stereotypes and expectancies over e-mail. Journal of Experimental Social Psychology, 41(4), 414–422. https://doi.org/10.1016/j.jesp.2004.08.005

Islam, M. S., Sarkar, T., Khan, S. H., Kamal, A.-H. M., Hasan, S. M. M., Kabir, A., … &  Seale, H. (2020). COVID-19-related infodemic and its impact on public health: A global social media analysis. The American Journal of Tropical Medicine and Hygiene. Advance Online Publication. https://doi.org/10.4269/ajtmh.20-0812

McFarland, C., Cheam, A., & Buehler, R. (2007). The perseverance effect in the debriefing paradigm: Replication and extension. Journal of Experimental Social Psychology, 43(2), 233–240. https://doi.org/10.1016/j.jesp.2006.01.010

Miketta, S., & Friese, M. (2019). Debriefed but still troubled? About the (in)effectiveness of postexperimental debriefings after ego threat. Journal of Personality and Social Psychology, 117(2), 282–309. https://doi.org/10.1037/pspa0000155

Rich, P. R., & Zaragoza, M. S. (2016). The continued influence of implied and explicitly stated misinformation in news reports. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition, 42(1), 62–74. https://doi.org/10.1037/xlm0000155

Sherman, D. K., & Kim, H. S. (2002). Affective perseverance: The resistance of affect to cognitive invalidation. Personality and Social Psychology Bulletin, 28(2), 224–237. https://doi.org/10.1177/0146167202282008

Bildquelle:

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