Single, männlich, gewaltbereit?

Ein 13-jähriger Schüler wird beschuldigt, seine Mitschülerin umgebracht zu haben. Damit beginnt die Handlung der Netflix Serie „Adolescence“, die im Frühjahr 2025 Streaming-Rekorde bricht. Im Laufe der Serie stellt sich heraus, dass sich der Protagonist, Jamie Miller, der Incel-Szene zugehörig fühlt.

Die Incel Bewegung findet auch in der Realität immer wieder im Zusammenhang mit Gewaltverbrechen ihren Weg in die Schlagzeilen. Forschende haben nun die Einstellung zu politischer Gewalt innerhalb der Szene untersucht. 

Incel (kurz für „Involuntary celibate“, also involuntär zölibatär) sind eine Gruppierung, die im digitalen Raum entstanden sind und sich auch heute noch primär in Internet-Foren vernetzen und austauschen. Incels definieren sich durch die Selbstzuschreibung, gegen ihren Willen zölibatär zu sein, also keinen Sex zu haben. Die Bewegung besteht aus größtenteils aus heterosexuellen, jungen Männern, die Probleme damit haben, romantische und sexuelle Beziehungen zu Frauen aufzubauen und Frauen infolgedessen stark ablehnen (Piazza, 2025). Sie glauben, dass Frauen in der modernen Gesellschaft nur an den physisch attraktivsten Männern der Gesellschaft interessiert sind und unattraktive Männer durch den Feminismus benachteiligt und ausgegrenzt werden. Incels betrachten Sex als ein Grundrecht, das ihnen vom Feminismus vorenthalten wird, weil dieser als Symptom einer zunehmend liberaleren Gesellschaft dazu führt, dass Frauen nur Interesse an den attraktivsten Männern haben (Bundeszentrale für politische Bildung, 2022). 

Der Forscher Piazza (2025) hat nun das Gewaltpotential der Bewegung untersucht. Ziel der Studie war es zu untersuchen, ob die Identifikation mit den Incel-Glaubenssätzen im Zusammenhang mit der Zustimmung zu politischer Gewalt steht. Hierzu wurden insgesamt über 900 Mitglieder der Incel-Szene mittels eines Online-Fragebogens befragt. Es wurde die Zustimmung zu politischer Gewalt sowohl zu abstrakten, wie auch spezifischen Szenarien untersucht. Ein Beispiel für ein abstraktes Szenario wurde durch die Zustimmung oder Ablehnung zu der Aussage „Die schlechtesten Politiker sollten einen Ziegelstein durch ihre Fenster bekommen, damit sie aufhören, dem Land zu schaden.“ gemessen. Ein spezifisches Szenario hingegen war beispielsweise die Aussage: „Kürzlich wurde eine Person wegen Körperverletzung angeklagt, weil sie bei einer politischen Kundgebung in Florida Republikaner geschlagen hatte. Glauben Sie, dass diese Handlung gerechtfertigt war?“ Weiterhin wurden persönliche und politische Faktoren, wie beispielsweise der empfundene Stress um die männliche Geschlechterrolle oder politische Präferenzen erfasst.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Identifikation mit Incel-Glaubenssätzen, zum Beispiel dass Männer ein Recht auf Sex und Zuneigung von Frauen haben, eine starke Vorhersagekraft für die Zustimmung zu politischer Gewalt hat. Konkret war das Maß der Zustimmung zu politischer Gewalt unter Mitgliedern, die eine sehr starke Identifikation aufwiesen deutlich höher, als unter Mitgliedern mit der niedrigsten Identifikation. Jene Incels mit erhöhter Aggressivität und solche, die einen hohen Stress durch Ihre Geschlechterrolle empfanden stimmten politischer Gewalt in beiden Kategorien eher zu als Incels, die in ebenjenen Kategorien niedrige Werte aufwiesen. Je mehr sich Incels also mit den Vorstellungen identifizieren, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie politische Gewalt unterstützen. Gleichsam zeigten Incels, die sich eine antiliberale und antidemokratische Regierung wünschen über beide Kategorien hinweg eine größere Zustimmung zu politischer Gewalt. Das bedeutet, dass auch konservative Einstellungen und die Ablehnung der Demokratie eher mit der Unterstützung politischer Gewalt einhergehen. 

Zudem hat man festgestellt, dass sowohl persönliche Faktoren, wie zum Beispiel die Vorstellung von männlichen Geschlechtsrollen, als auch politische Faktoren, wie etwa die Ablehnung von andersdenkenden Gruppen in die Gewaltbereitschaft mit einspielen.

Piazza betont, dass die Identifikation mit Incel-Glaubenssätzen nicht zwingend der Grund für die Zustimmung zu politischer Gewalt ist, ein Zusammenhang scheint jedoch zu bestehen. Obwohl Incel-Bewegung eine Randerscheinung der digitalen Sphäre sind, kann die Zugehörigkeit zu der Gruppierung Auswirkungen auf das nicht-digitale Leben haben. So kann die erhöhte Zustimmung zu politischer Gewalt ein Umfeld der Toleranz für Täter schaffen. Mit zunehmender Verbreitung und Normalisierung der Ideologie steigt die Notwendigkeit für Aufklärung und Präventionsangebote.

Literaturverzeichnis

Bildung, B. F. P. (2022, 16. Dezember). Incels | Rechtsextremismus | bpb.de. bpb.de. https://www.bpb.de

Piazza, J. A. (2025). Incel beliefs and support for political violence among U.S. Males: The mediating effects of masculinity stress, aggression, outgroup hate, and illiberalism. Crime & Delinquency, 0(0). https://doi.org/10.1177/00111287241310820

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engin aykurt via unsplash