„Zusammengepfercht wie die Tiere“ – Der Einfluss medialer Berichterstattung auf die Entmenschlichung von Geflüchteten

Auswirkungen der Medienberichterstattung über Geflüchtete auf Dehumanisierung

Medien spielen für den Prozess der Dehumanisierung eine wesentliche Rolle, da sie unser Bild von Geflüchteten durch Sprache und Bilder in Zeitungsartikeln, Radiobeiträgen, Fernsehberichten und Internet-Nachrichtenportalen maßgeblich beeinflussen. Medienanalysen belegen, dass MigrantInnen und Geflüchtete in westlichen Nationen oftmals durch sprachliche Tier-Vergleiche (Santa Ana, 1999) oder Abbildungen dargestellt werden, die eine mehr oder weniger gesichtslose Masse zeigen (Bleiker, Campbell, Hutchison, & Nicholson, 2013; siehe Abbildung 2).

Eine Reihe sozialpsychologischer Studien zeigt zudem, dass derartige Darstellungen tatsächlich Dehumanisierungsprozesse fördern. Beispielhaft sei hier ein in Kanada durchgeführtes Experiment von Esses, Medianu Abbildung 2: Several thousand refugees are wandering into the direction of Deutschland, Urheber: Janossy Gergely via Shutterstock.com (https://www.shutterstock.com/de/image-photo/several-thousand-refugees-wandering-into-direction-331912505), Standardlizenz (https://www.shutterstock.com/license)und Lawson (2013) berichtet, das auf der häufig über die Medien vermittelten vermeintlichen Annahme aufbaut, Geflüchtete seien, ähnlich wie Tiere, ÜberträgerInnen verschiedener bedrohlicher Erkrankungen. Den Studienteilnehmenden wurde ein Artikel über die Biografie des Schauspielers Steve Martin mit der Bitte vorgelegt, diesen zu lesen. Unten rechts auf der Seite befand sich ein eigens für das Experiment gestalteter Cartoon, der nichts mit dem Artikel über Steve Martin zu tun hatte, und einen Geflüchteten zeigt, der sich mit einem Koffer in der Hand einem Stand der kanadischen Einwanderungsbehörde nähert. Bei der einen Hälfte der Teilnehmenden waren auf den Koffer die Bezeichnungen verschiedener Krankheiten gedruckt (z. B. AIDS, SARS), bei der anderen Hälfte fanden sich keine Aufschriften auf dem Koffer. Am Ende des Experiments wurden die Teilnehmenden gebeten, einige Fragen in Bezug auf Geflüchtete und MigrantInnen zu beantworten. Darunter waren auch einige Fragen zur Erfassung von Dehumanisierung. Beispielsweise gaben Teilnehmende an, inwieweit sie ihrer eigenen sozialen Gruppe (KanadierInnen) einzigartig menschliche Werte (z. B. Hilfsbereitschaft, Vergebungsbereitschaft) zuschreiben und inwieweit sie diese Werte der Fremdgruppe, also den Geflüchteten und MigrantInnen, zuschreiben. Je weniger diese Werte der Fremdgruppe im Vergleich zur Eigengruppe zugeschrieben werden, desto stärker ist die Dehumanisierung der Geflüchteten und MigrantInnen. Tatsächlich zeigte sich, dass die Variation in der Beschriftung des Koffers den erwarteten Effekt auf Dehumanisierung hatte: Teilnehmende, die den Cartoon mit dem beschrifteten Koffer gezeigt bekamen, dehumanisierten stärker als Teilnehmende, bei denen der Migrant nicht mit Krankheiten in Verbindung gebracht wurde. Diese Studie ist nicht frei von Kritik. So wird durch die Variation der Beschriftung des Koffers vermutlich nicht nur die Assoziationen von Geflüchteten mit Tieren beeinflusst, sondern auch die wahrgenommene Bedrohung durch Krankheiten. Als Folge lässt sich nicht eindeutig sagen, ob es nun die durch die Darstellung hervorgerufenen Tier-Assoziationen oder die hervorgerufene Bedrohung ist, die zu der stärkeren Dehumanisierungsbereitschaft der Teilnehmenden, die den Cartoon mit dem beschrifteten Koffer gezeigt bekamen, führte. Die Befunde wären daher aussagekräftiger gewesen, wenn eindeutig die Assoziation mit Tieren variiert worden wäre, also der Geflüchtete zum Beispiel in einer Version des Cartoons erkennbar affenartige Gesichtszüge hätte und in der anderen nicht. Dennoch ist das Ergebnis der Studie vor allem deshalb beeindruckend, da die Variation in der Berichterstattung recht subtil erfolgte und viele Teilnehmende angaben, den Cartoon gar nicht wahrgenommen zu haben.

Die bisherige Forschung konzentriert sich auf mediale Berichterstattung, die gezielt ein negatives Bild der jeweiligen Fremdgruppe vermitteln möchte (siehe auch Frischlich & Rieger, 2017). Die Frage, ob auch eigentlich wohlmeinende mediale Berichterstattung über Geflüchtete, in der eine Verbindung zwischen Geflüchteten und Tieren (oder allgemeiner „Nicht-Menschlichem“) hergestellt wird, Dehumanisierungsprozesse anstoßen kann, wurde bisher nicht systematisch untersucht, lässt sich unserer Meinung nach aber mit einem vorsichtigen „Ja“ beantworten. So legt zum Beispiel Forschung von Haslam, Loughnan und Sun (2011) nahe, dass die alleinige Bezeichnung von Menschen als „Tiere“ in der Regel kommuniziert, dass die bezeichnete Person oder Gruppe als unintelligent, unsympathisch und moralisch verdorben wahrgenommen wird und dass der beleidigende Charakter besonders stark ist, wenn sich der Tier-Vergleich auf Personen bezieht, die einer Fremdgruppe angehören. Ähnlich scheint allein die Beschreibung einer sozialen Gruppe mit Eigenschaften, die häufig Tieren zugeschrieben werden (z. B. irrational, athletisch, dichtes Haar), auszureichen, damit dieser weniger menschliche Eigenschaften zugeschrieben werden (Loughnan, Haslam, & Kashima, 2009). Viki und KollegInnen (2006) konnten zudem zeigen, dass Personen Fremdgruppenmitglieder im Gegensatz zu Eigengruppenmitgliedern schneller mit Wörtern aus dem Tierreich (z. B. Instinkt, Nest oder Wildnis) in Verbindung bringen. Ein eindeutig negativer Fokus der Berichterstattung scheint demnach nicht unbedingt notwendig zu sein, um Dehumanisierung auszulösen.

Folgen der Dehumanisierung von Geflüchteten

Es gibt zahlreiche Befunde, dass Dehumanisierung in TäterInnen-Opfer-Kontexten aggressive Tendenzen und Gewaltbereitschaft (bis hin zur Befürwortung eines Krieges oder Folter) gegenüber einer anderen sozialen Gruppe fördern kann und die Bereitschaft für Wiedergutmachungen senkt (für einen Überblick siehe Haslam & Loughnan, 2014). Die Beziehungen zwischen Mitgliedern der Aufnahmegesellschaft und Geflüchteten ist in der Regel weniger durch unmittelbare, heftige Konflikte gekennzeichnet, sondern vielmehr durch Unsicherheitsgefühle (sogenannte Intergruppenangst) und Bedrohungsgefühle in Bezug auf die eigenen kulturellen Werte und knappe Ressourcen (z. B. Arbeitsplätze, soziale Transferleistungen). Doch auch unter solchen „gemäßigteren“ Bedingungen sind negative Folgen von Dehumanisierung sehr wahrscheinlich. So kann Dehumanisierung durch das Absprechen der Menschlichkeit auch hier Verhalten rechtfertigen, das nicht im Einklang mit gesellschaftlich akzeptierten Normen und Werten und moralischen Überzeugungen steht und sich darin äußert, dass Mitgliedern dehumanisierter Gruppen weniger Mitgefühl entgegengebracht wird, ihnen weniger geholfen wird und ihnen häufiger mit offener Aggression begegnet wird (für einen Überblick siehe Schiffhauer, 2015). Studien zu Dehumanisierung im Kontext von Flucht und Migration konzentrieren sich vor allem auf die Effekte von Dehumanisierung auf Einstellungen. Eine Reihe von Studien zeigt beispielsweise, dass Dehumanisierung einen negativen Effekt auf die Einstellungen der Mitglieder der Aufnahmegesellschaft gegenüber Geflüchteten hat: Je stärker Personen Geflüchtete und MigrantInnen dehumanisieren, desto mehr negative Empfindungen haben sie ihnen gegenüber (Esses et al., 2013) und desto mehr stimmen sie Aussagen zu, die eine subtile Form fremdenfeindlicher Einstellungen widerspiegeln (z. B. „MigrantInnen werden zu fordernd in ihren Bemühungen um gleiche Rechte“, Hodson & Costello, 2007).

Weiterhin scheint Dehumanisierung einen Einfluss auf die Einstellungen gegenüber flüchtlingspolitischen Maßnahmen zu haben. Eine Reihe von Studien belegt, dass Dehumanisierung von Geflüchteten, MigrantInnen und Mitgliedern ethnischer Minoritäten mit einer stärkeren Ablehnung von integrativen politischen Maßnahmen und einer stärkeren Zustimmung mit restriktiven (beschränkenden) Maßnahmen einhergeht: Je stärker Mitglieder der Aufnahmegesellschaft Geflüchtete und MigrantInnen dehumanisieren, desto eher vertreten sie die Meinung, dass Geflüchtete und Asylsuchende abgeschreckt werden sollten, in das neue Land kommen zu wollen (Esses et al., 2013), dass ihr Heimatland weniger Geflüchtete oder Asylsuchende aufnehmen sollte (Esses et al., 2013; Kteily et al., 2015) oder dass Mitglieder ethnischer Minoritäten zurück in ihre Ursprungsländer geschickt werden sollten (Dalsklev & Kunst, 2015).

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