„Zusammengepfercht wie die Tiere“ – Der Einfluss medialer Berichterstattung auf die Entmenschlichung von Geflüchteten

Eine weitere Reihe sozialpsychologischer Studien liefert zudem Hinweise darauf, dass Dehumanisierung nicht nur antisoziale Prozesse wie zum Beispiel fremdenfeindliche Einstellungen begünstigt, sondern gleichzeitig auch prosozialen Prozessen (z. B. dem Empfinden von Mitgefühl) und prosozialen Verhaltensintentionen (z. B. Hilfsbereitschaft) entgegenwirkt (für einen Überblick siehe Haslam & Loughnan, 2014). Zwar wurde unseres Wissens nach keine dieser Studien im Kontext von Migration und Flucht durchgeführt. Dennoch legt dieser Befund nahe, dass die eingangs dargestellte, eigentlich wohlmeinende mediale Berichterstattung über die belastenden Umstände vieler Geflüchteter gerade nicht dazu geeignet ist, Mitgefühl und Hilfeverhalten gegenüber den Betroffenen zu erzeugen, da die durch die verwendeten Tier-Vergleiche angestoßenen Dehumanisierungsprozesse diesen positiven Prozessen entgegenwirken.

Anzumerken ist an dieser Stelle, dass es bisher nur wenig Forschung zu der Frage gibt, was Dehumanisierung bei den dehumanisierten Personen selbst bewirkt. Die Ausnahme bildet eine Serie aktueller Studien von Kteily, Hodson und Bruneau (2016), die eine teufelskreisartige Dynamik nahelegen: Die wahrgenommene Dehumanisierung der Eigengruppe durch eine Fremdgruppe scheint dazu zu führen, dass man seinerseits die Fremdgruppe dehumanisiert, was wiederum negative Einstellungen und negatives Verhalten gegenüber der Fremdgruppe begünstigt.

Schlussfolgerungen für die Praxis

Was können Medienschaffende wie JournalistInnen oder RedakteurInnen und andere Personen, die über Geflüchtete berichten (z. B. Beschäftigte im Bildungswesen) tun, um dehumanisierenden Effekten von medialer Berichterstattung über Geflüchtete entgegenzuwirken? Nahe liegend ist eine stärkere Sensibilisierung für dehumanisierende Sprache und Bilder (z. B. explizite Vergleiche mit Tieren, Darstellung als KrankheitsüberträgerInnen, Darstellung als gesichtslose Masse) in der medialen Berichterstattung. Wie die eingangs zitierten Beispiele deutlich machen, werden dehumanisierende Vergleiche in den Medien nicht nur genutzt, um ganz bewusst ein negatives Bild von Geflüchteten zu kreieren, sondern auch, um auf Elend und extrem belastende Umstände von Geflüchteten aufmerksam zu machen. Werden Überschriften wie „Zusammengepfercht wie die Tiere“ durch Formulierungen wie „Leben auf engstem Raum“ ersetzt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Berichterstattung bei den Rezipierenden primär Mitgefühl und Hilfebereitschaft anstößt und Dehumanisierungsprozesse reduziert werden.

Darüber hinaus lassen sich aus der sozialpsychologischen Forschung eine Reihe weiterer Interventionsansätze zur Reduzierung von Dehumanisierung von Geflüchteten ableiten, die sich im Rahmen medialer Berichterstattung umsetzen ließen. Drei mögliche Ansätze sollen hier näher dargestellt werden. Zum einen sind dies Interventionen, die auf Kontakt zwischen Mitgliedern beider Gruppen basieren. So baten Vezzali, Capozza, Stathi, und Giovanni (2012) italienische ViertklässlerInnen, sich verschiedene positive Kontaktsituation mit einem unbekannten MigrantInnenkind vorzustellen. Diejenigen Kinder, die eine solche Anweisung bekommen hatten, zeigten in der nachfolgenden Befragung weniger Dehumanisierung gegenüber MigrantInnen als Kinder, die keine Anweisung erhalten hatten. Für die mediale Umsetzung ist vor allem eine weitere Variante von Kontakt, sogenannter stellvertretender Kontakt, geeignet, bei dem die Personen lediglich von einer positiven Kontakterfahrung zwischen einem Eigengruppenmitglied und einem Fremdgruppenmitglied lesen oder hören bzw. sie beobachten (Mazziotta, Mummendey, & Wright, 2011). Entsprechende Beschreibungen von positiven Kontakten zwischen Mitgliedern der Aufnahmegesellschaft und Geflüchteten sollten ebenfalls zum Abbau von Dehumanisierung führen und daher (noch mehr als bisher) in die Berichterstattung über Geflüchtete aufgenommen werden.

Ein zweiter Interventionsansatz basiert auf dem Gedanken, dass Mitglieder der Aufnahmegesellschaft und Geflüchtete auch immer Mitglieder einer oder mehrerer gemeinsamer, übergeordneter Gruppen sind (Ansatz der „common ingroup identity“, Gaertner & Dovidio, 2000). Je nach Kontext können diese gemeinsamen übergeordneten Gruppen ganz unterschiedlich sein, zum Beispiel die Stadt, in der Mitglieder der Aufnahmegesellschaft und Geflüchtete zusammenleben oder ein gemeinsamer Sportverein. Es ist ein gut dokumentierter Befund, dass die Betonung einer solchen übergeordneten gemeinsamen Gruppe negative Einstellungen und Spannungen reduzieren kann, da Mitglieder der ehemaligen Fremdgruppe nun als Teil einer übergeordneten Eigengruppe angesehen werden. Dies scheint auf in Bezug auf Dehumanisierung der Fall zu sein: So konnten Albarello und Rubini (2012) zeigen, dass die Betonung der übergeordneten Gruppe „Menschen“ Dehumanisierung einer ethnischen Fremdgruppe reduzieren konnte. Die mediale Berichterstattung könnte sich diesen Effekt zunutze machen und mögliche gemeinsame Gruppen oder Identitäten von Mitgliedern der Aufnahmegesellschaft und Geflüchteten stärker betonen.

Die Studie von Albarello und Rubini (2012) zeigt noch einen anderen Ansatzpunkt für Interventionen auf: Durch die Betonung der spezifischen übergeordneten Kategorie „Menschen“ wird die ehemalige Fremdgruppe nicht nur Teil einer neuen Eigengruppe, sondern die Mitglieder der Fremdgruppe werden auch gezielt „humanisiert“. Dieser Gedanke lässt sich gut auf die mediale Berichterstattung über Geflüchtete übertragen: Anstatt Geflüchtete durch die Verwendung von Tier-Vergleichen und Ähnlichem aus der Gruppe der Menschen auszuschließen, sollte ihre Zugehörigkeit zu dieser hervorgehoben werden. Dies kann explizit durch bestimmte Formulierungen erfolgen (z. B. „Wie allen Menschen, ist es Geflüchteten wichtig, ihren Kindern ein sicheres Zuhause bieten zu können.“). Es kann aber auch subtiler erfolgen, zum Beispiel indem in der medialen Berichterstattung Geflüchteten gezielt sekundäre, also einzigartig menschliche Emotionen zugeschrieben werden und gleichzeitig die Zuschreibung primärer Emotionen, die Menschen und Tiere gemeinsam haben, eher sparsamer erfolgt (siehe Abbildung 3). Ergebnisse einer Studie von Vaes, Paladino und Leyens (2002) legen nahe, dass durch eine solche Beschreibung prosoziale Reaktionen (Mitgefühl, Hilfsbereitschaft) von Mitgliedern der Aufnahmegesellschaft gegenüber Geflüchteten gefördert werden können. Zusammengenommen können diese Interventionsansätze zu einer ausgewogeneren Berichterstattung über Flucht und Migration beitragen.

Abbildung 3: Typische primäre und sekundäre Emotionen. © Birte Siem

Fazit

Die gegenwärtige Geflüchtetensituation ist für viele europäische Länder eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen der jüngsten Geschichte. Insbesondere in Zeiten gesellschaftlicher Veränderung und Verunsicherung kann die Art der medialen Berichterstattung einen erheblichen Einfluss auf die Einstellungen und das Verhalten der Medienrezipierenden haben. Dieser Beitrag hat aufgezeigt, dass die Verwendung möglicherweise auch wohlmeinender Tier-Vergleiche zu einer Dehumanisierung von Geflüchteten sowie einer Reihe sich daraus ergebender negativer Folgen führen kann. Unterschiedliche Ansätze zur Reduzierung von Dehumanisierung wurden vorgestellt, die sich im Rahmen medialer Berichterstattung umsetzen ließen. Dabei ist uns bewusst, dass die Darstellung von Geflüchteten in den Medien von einer Vielzahl verschiedener Faktoren abhängt und eine weniger dehumanisierende bzw. stärker humanisierende und damit eventuell auch weniger aufsehenerregende Darstellung mit Zielen wie einer hohen Auflagenstärke in Konflikt stehen kann. Dennoch denken wir, dass eine Sensibilisierung für dehumanisierende Sprache und Bilder in der Medienberichterstattung von großer Bedeutung ist. Wir verbinden daher mit den skizzierten Interventionsansätzen die Hoffnung, dass Medien zu einem gelingenden Miteinander von Mitgliedern der Aufnahmegesellschaft und Geflüchteten beitragen können.

Literaturverzeichnis

Albarello, F., & Rubini, M. (2012). Reducing dehumanisation outcomes towards Blacks: The role of multiple categorisation and of human identity. European Journal of Social Psychology, 42(7), 875-882. doi: 10.1002/ejsp.1902

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Bleiker, R., Campbell, D., Hutchison, E., & Nicholson, X. (2013). The visual dehumanization of refugees. Australian Journal of Political Science, 48(4), 398-416. doi: 10.1080/10361146.2013.840769

Braun, M. (2013, 19. Dezember). Flüchtlinge wie Vieh behandelt. taz. Verfügbar unter http://www.taz.de/!419025/

Dalsklev, M., & Kunst, J. R. (2015). The effect of disgust-eliciting media portrayals on outgroup dehumanization and support of deportation in a Norwegian sample. International Journal of Intercultural Relations, 47, 28-40. doi: 10.1016/j.ijintrel.2015.03.028

Esses, V. M., Medianu, S., & Lawson, A. S. (2013). Uncertainty, threat, and the role of media in promoting the dehumanization of immigrants and refugees. Journal of Social Issues, 69(3), 518-536. doi: 10.1111/josi.12027

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