Fußball – ein Gespräch zwischen König Zufall und dem Experten

Fußball – das ist doch alles nur Zufall. Dieser Ansicht sind nicht nur TippspielverliererInnen, sondern auch RechtsexpertInnen, weswegen Sportwetten als Glücksspiel eingestuft werden. Ich habe mich auf die Seite der SystemkritikerInnen geschlagen, und habe die WM vom Zufall vorhersagen lassen. Aber auch der Fußballexperte, Prof. Dr. Daniel Memmert, von der Sporthochschule Köln hat die Ergebnisse der WM versucht vorherzusagen. Das Ergebnis ist eindeutig: König Zufall muss sich dem Experten geschlagen geben. Grund genug, Prof. Memmert nach den Gesetzen des Fußballs zu fragen.

Vogel (In-Mind Blogteam, König Zufall): Nach nur zwei Spielen verabschiedete sich der amtierende Weltmeister Spanien aus dem Turnier. Aus meiner Sicht war das eine Riesenüberraschung. Du beschäftigst dich ja wissenschaftlich mit der Vorhersage von Ergebnissen. Kann man ein solches Ergebnis vorhersagen?

Memmert (Professor an der Sporthochschule Köln, Scouting Experte & Spielanalyst): Das kann man schwer vorhersagen. Unser Modell hatte Spanien mit einer Wahrscheinlichkeit von immerhin 12 % als Weltmeister vorhergesagt. Spanien lag laut unserem Modell direkt hinter dem vorhergesagten Weltmeister Brasilien (20 %).

Bild von Alfonso Jiménez vias flickrXavi by Alfonso Jimenez via Flickr (https://www.flickr.com/photos/alfonsojimenez/3274250049/in/album-72157604668642814/) cc (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/)Aus sportwissenschaftlicher Sicht muss man aber auch sehen, dass bei Spanien einige Spieler über ihren Zenit sind. Xavi, Iniesta sind Spieler, die auch in ihren Vereinen keine dominante Rolle mehr spielen. Wenn ein Xavi im entscheidenden Spiel gegen Atletico Madrid erst in der 77. Minute eingewechselt wird, sagt das schon einiges über seine Verfassung aus.

Außerdem haben bei den Spaniern die Trainer versäumt, das Spiel weiterzuentwickeln. Viele Mannschaften haben mittlerweile verstanden, wie man den Spaniern begegnen kann. So wie man es zum Beispiel bei dem 5-3-2 System von den Holländern gesehen hat.

Vogel: Kann man sagen, dass überraschende Ergebnisse dadurch zustande kommen, dass die Trainer der Außenseiter die Systematik im Spiel der Favoriten erkennen?

Memmert: Ja, das ist der Punkt. Und man muss sagen: Die Halbwertszeiten werden immer geringer. Während früher historische Spielsysteme über zehn Jahre erfolgreich gespielt werden konnten, verringern sich diese Zeitspannen dramatisch. Das geht so weit, dass heute Trainer nicht mehr pro Saison planen, sondern pro Halbsaison und ihre Trainingslager nutzen, um Anpassungen vorzunehmen.

Vogel: Wie sieht das moderne Spiel-System aus?

Memmert: Die Holländer haben bislang am meisten überrascht. Hier sieht man auch beim System eine neue Denke. Obwohl ich enttäuscht war, dass sie zuletzt doch wieder zum 4-3-3 zurückgekehrt sind, was für ihre Konter-Spieler wie Robben nicht sinnvoll ist. Ein erfolgreiches Beispiel sehe ich aber auch in Chile, die verschiedene Systeme gespielt haben und zum Beispiel mit einer modernen Interpretation des 5-3-2 sehr erfolgreich waren.

Vogel: Du hast nun insbesondere physische und taktische Faktoren genannt, die den Spielausgang beeinflussen. Hast du bei dieser WM auch spielentscheidende psychologische Faktoren gesehen?

Memmert: Man sieht die Psychologie ganz konkret bei den Elfmeterschießen. Da hat der chilenische Torhüter im Elfmeterschießen gegen den Brasilianer Hulk genau das gemacht, was mein Kollege Matthias Weigelt und ich aus unseren Studien empfehlen. Er hat sich nicht in die Mitte des Tores gestellt, sondern leicht nach links verschoben. Dann noch die Hand ausgesteckt, um sich optisch größer zu machen. Der Torwart kann den Schützen so unbewusst lenken. Und Hulk hat den Elfmeter dann auch verschossen. Es ist schön zu sehen, dass unsere Strategie eingesetzt und auch erfolgreich eingesetzt wird.

Vogel: Neymar hat im selben Elfmeterscheißen den Schuss lange verzögert und dann getroffen. Ich dachte, den macht der nicht rein.

Memmert: Das Warten nach dem Pfiff ist gar nicht verkehrt. Das schnelle Durchrauschen ist in dieser Situation eher eine Vermeidungsreaktion und Statistiken von Kollegen zeigen, dass das zu schlechteren Elfmetern führt. Besser ist es, erst mal durchzuschnaufen. Das habe ich bei dieser WM häufiger beobachten können, dass das richtig gemacht wurde. Beim Abschluss gibt es ja zwei Strategien. Entweder man legt sich vorher fest oder man guckt den Torhüter aus. Man kann aber wissenschaftlich nicht sagen, ob die eine Strategie besser ist als die andere. 

Vogel: Da schauen rund 400 Millionen Menschen zu. Auf dem Kerl liegen die Hoffnungen des gesamten Gastgeberlandes. Wie schafft es denn ein Neymar, in diesem Moment die Nerven zu behalten, braucht es da eine besonders robuste Persönlichkeit?

Memmert: Das ist natürlich eine unfassbare Drucksituation. Typen wie Müller oder Neymar sind da von Natur aus vielleicht robuster, aber sie müssen das auch irgendwo trainiert haben, in diesen Drucksituationen zu bestehen. Was mich allerdings überrascht, ist, dass die Starspieler insgesamt so gut abschneiden. Es gibt Studien, die zeigen, dass die Stars eher verschießen. Das haben wir bei diesem Turnier bislang nicht gesehen.

Vogel: Wenn wir gerade bei Stars und Nerven sind. Uruguays Superstar Suárez hat sich ein krasses Fehlverhalten geleistet und seinen Gegenspieler gebissen. Willst du dazu etwas sagen?

Memmert: Ein klar tätliches Verhalten, die Strafe (Anm. d. Red.: 4 Monate Spielsperre) geht daher in Ordnung. Unter erwachsenen Männern sicher kein normales, sondern ein pathologisches Verhalten. Da er das in Anspannungssituationen bereits zum dritten Mal zeigt, hoffe ich, dass er sich behandeln lässt. Ich hoffe, er nutzt die Zeit, um daran zu arbeiten.

Vogel: Selbst auf Suarez´ Biss hatte ein norwegischer Sportwetter gesetzt und schließlich gewonnen. Bei aller Systematik im Fußball, manche Dinge ereignen sich zufällig, und diese korrekt vorherzusagen ist ähnlich wahrscheinlich wie den Jackpot im Lotto zu knacken.

Ebenfalls unwahrscheinlich scheint nach der jüngsten Leistung gegen Algerien, dass die deutsche Elf den Titel holt. Auch die Presse – national wie international - hat das Spielsystem und die Aufstellung der deutschen Mannschaft harsch kritisiert. Eine letzte Frage: Wie würdest du am Freitag gegen Frankreich aufstellen?

Memmert: Mir fehlt die genaue Gegneranalyse von Frankreich, die aktuelle Befindlichkeit der Spieler und die Trainingseindrücke. Ich möchte mir nicht anmaßen, zu wissen, wie man aufstellen sollte. Dennoch darf ich mir ja etwas wünschen: Aufgrund der Eindrücke der 2. Halbzeit und Verlängerung gegen Algerien haben Schweinsteiger und Khedira harmonisch im Mittelfeld agiert, Lahm hat als Außenverteidiger die Offensive belebt und Özil könnte eine Pause vertragen, Schürrle stünde bereit. Hoffentlich kommt auch Hummels wieder zurück.

Vogel: Daniel, dann hoffe ich, dass deine Wünsche in Erfüllung gehen und danke dir für das Interview und deinen Einsatz als Gastblogger.

(Das Interview wurde am 1.7.14 geführt)

 

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