Keine Chance für die Maus: Exkurs zum Wissenschaftsdiskurs

Endlich ist bewiesen, was immer klar war: Am Markt geht man über Leichen. Oder nicht? Oder doch? Und warum der Maus das Hin-und-her egal ist.

Science ist quasi In-Minds große Schwester: Beide bieten Artikel, die nicht nur KollegInnen interessieren. Science hat allenfalls (noch) mehr Leser. ;-) Falk und Szech (2013b) haben bei Billi Kid ist vermutlich keine Maus. Bild “Greed is good” von Carnagenyc via flickr (https://www.flickr.com/photos/7752651@N05/3308230766), cc (https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/)Science eine Studie veröffentlicht: Das zentrale Entscheidungsexperiment ist eigentlich simpel. Die Entscheidungskonsequenzen sind schockierend. Die Studienergebnisse sind beeindruckend.

VersuchsteilnehmerInnen (Vpn) werden einer von drei Marktsimulationen zugeordnet: (1) Eine Vpn entscheidet allein zwischen zwei Optionen (A & B). Bei A erhält die Vpn 10 EUR, bei B verzichtet die Vpn auf’s Geld, um damit eine Labormaus zu retten, die sonst wie geplant getötet wird. Wichtig: Alle Vpn kannten die Konsequenzen ihrer Entscheidung für die unbeteiligte Labormaus. Die Labormäuse sind nicht mehr benötigte Versuchstiere, die sowieso getötet worden wären. (2) Zwei Vpn verhandeln um Geld vs. Labormaus. Einigen sie sich auf einen Preis X, erhält die Verkäufer-Vpn X EUR, der Käufer-Vpn behält 20-X EUR und die Labormaus wird wie geplant getötet. Einigen sich beide Marktakteure nicht, erhalten beide 0 EUR und die Labormaus wird gerettet. (3) Mehrere Marktakteure verhandeln. Wenn sich irgendwo ein Verkäufer-Käufer-Pärchen findet und auf einen Preis X einigt, geht’s weiter wie in (2).

Zur Auswertung berechnen die ForscherInnen für (1) bis (3), wie viele Vpn „ihre“ Maus dem Tod preisgeben. Es sind 46%, 72% und 76%. Falk und Szech (2013b, S. 707) zeigen, dass „im Vergleich zu individuell geäußerten Präferenzen, Marktinteraktionen moralische Werte tendenziell absenken“. Am Markt geht man also zum eigenen Vorteil über Leichen Unbeteiligter. Oder? Eher nicht, meinen Breyer und Weimann (2013). Das Experiment sei „faszinierend“ (S. 1), aber KonsumentInnen könnten doch meist nur entscheiden, ob sie etwas zum angegebenen Preis erwerben oder nicht (z. B. Fair Trade-Schokolade statt 08/15). Hieraus folge, dass Bedingung (1) eigentlich die typische Marktsituation sei. Breyer und Weimann (2013, S. 4) interpretieren daher die Ergebnisse genau umgekehrt: „In typischen Marktsituationen sind moralische Normen wichtiger als in nicht marktwirtschaftlichen Verhandlungssituationen“. Puh, dann sind wir wohl doch nicht so schlecht! Oder doch? Falk und Szech (2013a) freuen sich über die Kritik. Aber Bedingung (1) sei per definitionem sehr wohl ein Markt. Oder sei ein Aktienmarkt etwa auch kein Markt, nur weil dort keine direkten Preisverhandlungen stattfinden? Auch sei Bedingung (1) keine typische Marktsituation (Falk & Szech, 2013a, S. 2). Auch der Preis für Fair Trade-Schokolade sei nicht vom Himmel gefallen, sondern „am Markt entstanden, wo Firmen interagieren“; dies sei aber in ihrer Bedingung (1) keinesfalls gegeben.

Damit endet der Diskurs vorerst. In der Forschung führt der Weg zur Wahrheit, wenn es überhaupt eine gibt, über Widersprüche. Das bleibt oft unerwähnt (Niaz, 2010) oder ist nur Randnotiz (Heuser, 2013; aber siehe auch Bernau, 2014). Ein Experiment zeigt, dass es bei Entscheidungen mit der Moral oft nicht weit her ist, und wirft damit viele weitere Fragen auf. So ist das nun mal—und das ist auch gut so!

Quellen:

Bernau, P. (2014, May 1). Tötet der Markt die Moral – und Mäuse? [Blog]. Retrieved from http://blogs.faz.net/fazit/2014/05/01/toetet-der-markt-die-moral-und-mae...

Breyer, F. & Weimann, J. (2013). Of morals, markets and mice: A Comment on Falk and Szech (SSRN Scholarly Paper No. ID 2434462). Rochester, NY: Social Science Research Network. Retrieved from http://papers.ssrn.com/abstract=2434462

Falk, A. & Szech, N. (2013a). Experimental evidence on morals and markets (Reply to Breyer and Weinmann (2013)). Karlsruhe, Germany: Karlsruhe Institute of Technology. Retrieved from http://polit.econ.kit.edu/downloads/Reply_to_B_W_Falk_Szech.pdf

Falk, A. & Szech, N. (2013b). Morals and markets. Science, 340, 707–711. http://doi.org/10.1126/science.1231566

Heuser, U. J. (2013, May 23). Ökonomie: Was ist Ihnen das Leben dieser Maus wert? Die Zeit. Retrieved from www.zeit.de/2013/21/wirtschaft-markt-moral-experiment

Niaz, M. (2010). Science curriculum and teacher education: The role of presuppositions, contradictions, controversies and speculations vs Kuhn’s “normal science.” Teaching and Teacher Education, 26, 891–899. http://doi.org/10.1016/j.tate.2009.10.028

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