Können bereits Babys zwischen Gut und Böse unterscheiden?
Ein Baby sitzt vor zwei Figuren. Es beobachtet, wie die eine Figur der anderen hilft, einen Hügel hinaufzukommen, jedoch daraufhin von genau derselben hinuntergestoßen wird. Dann werden beide Figuren dem Baby angeboten. Und das Baby? Es scheint deutlich häufiger nach der helfenden Figur zu greifen.
Was wie eine niedliche Anekdote klingt, wurde 2007 im renommierten Journal ‚Nature‘ veröffentlicht und gehört heute zu den bekanntesten Studien der Entwicklungspsychologie. Die Arbeit von Kiley Hamlin, Karen Wynn und Paul Bloom löste eine intensive Debatte aus: Können Babys bereits zwischen prosozialen und antisozialen Akteuren unterscheiden?
Um dieser Frage systematisch nachzugehen, bündelten Francesco Margoni und Luca Surian (2018) in ihrer Meta-Analyse die Ergebnisse aus 61 Studien, die seither zu diesem Thema durchgeführt wurden.
Über all diese Studien hinweg zeigte sich ein bemerkenswert konstantes Bild: Ein Großteil der untersuchten Babys und Kleinkinder wandten sich häufiger einer Figur zu, die zuvor fair oder unterstützend (prosozial) gehandelt hatte, als einer solchen, die unfair oder schädigend (antisozial) aufgetreten war. Dieses Muster zeigte sich nicht nur bei älteren Kleinkindern, sondern bereits bei Babys im Alter von wenigen Monaten.
Doch so eindeutig, wie es lange schien, ist die Sache nicht. In den letzten Jahren haben Forschende versucht, die bekannten Ergebnisse in großen, internationalen Projekten zu wiederholen – alle mit exakt dem gleichen Versuch (Lucca et al., 2025). Dabei wurden Daten von über 1000 Babys aus verschiedenen Laboren weltweit zusammengetragen – ein Ansatz, der im Allgemeinen besonders verlässliche Aussagen ermöglichen soll. Überraschenderweise zeigte sich dabei: Die klare Vorliebe für die „nettere“ Figur ließ sich nicht zuverlässig bestätigen.
In einigen dieser groß angelegten Wiederholungsstudien griffen Babys nicht systematisch häufiger nach der Figur, die zuvor unterstützend gehandelt hatte. Das stellt die bisherigen Befunde infrage, zumindest für den konkreten Versuch und die konkrete Altersgruppe, die in dieser weltweiten Studie getestet wurden. Für die Forschung ist das eine wichtige Erkenntnis. Denn sie macht deutlich, wie wichtig es ist, Studien zu wiederholen, gerade dann, wenn sie besonders einflussreich sind. Große Kooperationen wie diese helfen dabei, ein genaueres Bild zu gewinnen.
Und für Eltern? Die Botschaft bleibt spannend, wird aber differenzierter: Babys reagieren offenbar früh auf soziale Situationen, doch, wie klar und eindeutig sie dabei zwischen „gut“ und „schlecht“ unterscheiden, hängt möglicherweise stärker vom Kontext ab, als man zunächst dachte.
Vielleicht sind wir also nicht einfach von Geburt an auf das Gute „programmiert“. Vielleicht bringen wir vielmehr eine erste Sensibilität mit, die sich erst im Zusammenspiel mit Erfahrung, Beziehung und Alltag weiter entwickelt.
Literaturverzeichnis
Margoni, F., & Surian, L. (2018). Infants’ evaluation of prosocial and antisocial agents: A meta-analysis. Developmental Psychology, 54(8), 1445. http://dx.doi.org/10.1037/dev0000538
Hamlin, J. K., Wynn, K., & Bloom, P. (2007). Social evaluation by preverbal infants. Nature, 450(7169), 557-559. https://doi.org/10.1038/nature06288
Lucca, K., Yuen, F., Wang, Y., Alessandroni, N., Allison, O., Alvarez, M., ... & Hamlin, J. K. (2025). Infants’ social evaluation of helpers and hinderers: A large‐scale, multi‐lab, coordinated replication study. Developmental Science, 28(1), e13581. https://doi.org/10.1111/desc.13581
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