Erzähl mir deine Geschichte und ich sag dir, wer du bist! Wie lässt sich unsere narrative Identität beschreiben?
Unsere Persönlichkeit besteht aus mehr als nur groben Charakterzügen. Die Art, wie wir von unserem Leben erzählen, ist ebenfalls ein Teil davon. Die Forschung zur sogenannten narrativen Identität zeigt, dass unser persönlicher Erzählstil Mustern folgt, und diese Muster sogar im Zusammenhang mit unserem Wohlbefinden stehen. Wie diese Muster aussehen und warum es sich lohnt, besser zuzuhören, wenn andere und wir selbst von unserem Leben berichten, liest du hier.
Die narrative Identität: Teil unserer Persönlichkeit
Wenn du an deine Persönlichkeit denkst, dann denkst du vielleicht an Charakterzüge wie Extraversion oder Gewissenhaftigkeit, doch wie wir unsere Lebensgeschichte erzählen, ist ebenfalls ein Teil davon. Forschende nennen diesen Teil der Persönlichkeit narrative Identität. Dabei geht es nicht so sehr um die Ereignisse selbst, sondern die Geschichte, die wir drum herum konstruieren und die Art und Weise, wie wir es tun; sozusagen unseren Erzählstil.
Um Unterschiede in der narrativen Identität von Menschen zu erfassen, haben Forschende in Interviews zahlreiche Merkmale von Lebensgeschichten erhoben – dazu gehören zum Beispiel agency oder redemption. Agency etwa beschreibt den Eindruck, man habe Veränderungen stets aus eigener Kraft herbeigeführt und redemption erfasst das Beschreiben von positiven Wendungen im Leben. Alleine in der Studie von McLean und Kolleg*innen (2020) sind 20 solcher Merkmale aufgeführt, und die Liste geht noch weiter.
Wie lässt sich unsere narrative Identität besser beschreiben?
Im Kontext der klassischen Persönlichkeitseigenschaften spricht man ja auch nicht immer davon, dass eine Person gesellig, redselig, durchsetzungsfähig, abenteuerlustig, optimistisch und energetisch ist – stattdessen kann man zusammenfassend sagen: sie ist extrovertiert. Analog haben Forschende nach einem Weg gesucht, Struktur ins Chaos dieser vielen Merkmale der narrativen Identität zu bringen, um sie effizienter beschreiben zu können.
Dabei haben die Forschenden geprüft, ob bestimmte Merkmale unseres Erzählstils besonders häufig gemeinsam auftreten und dadurch zu übergeordneten Merkmalen zusammengefasst werden können. Es ist beispielsweise möglich, dass Personen, deren Erzählungen vom Merkmal redemption gekennzeichnet sind, gleichzeitig auch besonders häufig agency in ihren Geschichten aufweisen. McLean und Kolleg*innen (2020) konnten mit solch einem Vorgehen in der Tat drei zentrale Merkmale von Erzählstilen ableiten:
Motivationale/affektive Themen …erfassen die motivationale Komponente, sowie die emotionale Qualität unserer Erzählungen. Dazu zählen etwa Selbstwirksamkeit oder die Bedeutung von Gemeinschaft und Verbundenheit. So könnte jemand berichten, durch eine wichtige Prüfung gefallen zu sein, danach aber hart gearbeitet und sie beim zweiten Versuch bestanden zu haben – und dabei die Unterstützung des Umfelds hervorheben, ohne die es nicht gelungen wäre.
Autobiografisches Denken …beschreibt, wie jemand den Ereignissen einen Sinn gibt und Kontinuität herstellt. Das beinhaltet das Verknüpfen von Ereignissen mit Aspekten der eigenen Person, sowie Veränderungen im Verständnis oder der Interpretation vergangener Ereignisse. Beispielsweise kann jemand erzählen, lange unentschlossen gewesen zu sein und den Studiengang mehrfach gewechselt zu haben, heute aber zu erkennen, dass dies ein notwendiger Schritt war.
Strukturelle Merkmale/narrative Kohärenz …erfassen, wie klar und nachvollziehbar eine Geschichte erzählt wird, etwa durch Kontext und zeitliche Ordnung. Ein*e Student*in, deren Lebensgeschichte von hoher narrativer Kohärenz gekennzeichnet ist, könnte berichten, sich im ersten Semester fremd gefühlt zu haben, zu Beginn des zweiten ein paar gute Freund*innen kennengelernt zu haben, und im dritten endlich angekommen zu sein. Eine niedrige Kohärenz läge etwa vor, wenn die Erzählung mehrfach zwischen den Semestern wechselt.
Der persönliche Erzählstil und der Zusammenhang mit Wohlbefinden
Dass es unterschiedliche Erzählstile gibt, ist auch deshalb interessant, weil sie mit anderen wichtigen Eigenschaften zusammenhängen, zum Beispiel mit unserem Wohlbefinden (Adler et al., 2016; McLean et al., 2020). So scheinen etwa Lebensgeschichten, die besonders von motivationalen/affektiven Themen geprägt sind, mit einem höheren persönlichen Wohlbefinden, mehr Lebenszufriedenheit und weniger depressiven Symptomen in Verbindung zu stehen. Adler und Kolleg*innen (2016) führen dies darauf zurück. dass motivationale/affektive Themen abbilden, wie eine Person ihrem Leben und den Ereignissen darin einen Sinn verleiht, was wiederum für das Wohlbefinden unerlässlich ist.
Wie sieht deine narrative Identität aus? Ist deine Lebensgeschichte von motivationalen/affektiven Themen gekennzeichnet, von autobiographischem Denken oder eher von narrativer Kohärenz? Jedenfalls lohnt es sich, besser zuzuhören, wenn wir selbst oder andere aus ihrem Leben erzählen, denn unsere narrative Identität ist ein wichtiger Teil von uns.
Literaturverzeichnis
Adler, J. M., Lodi-Smith, J., Philippe, F. L., & Houle, I. (2016). The incremental validity of narrative identity in predicting well-being: A review of the field and recommendations for the future. Personality and Social Psychology Review, 20(2), 142–175. https://doi.org/10.1177/1088868315585068
McLean, K. C., Syed, M., Pasupathi, M., Adler, J. M., Dunlop, W. L., Drustrup, D., Fivush, R., Graci, M. E., Lilgendahl, J. P., Lodi-Smith, J., McAdams, D. P., & McCoy, T. P. (2020). The empirical structure of narrative identity: The initial Big Three. Journal of Personality and Social Psychology, 119(4), 920–944. https://doi.org/10.1037/pspp0000247
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