Facebook manipulierte die Emotionen von 689'003 NutzerInnen

Angst, Wut, Trauer, Ekel, Verachtung, Freude und Überraschung gelten als die sieben Basisemotionen (Ekman, 1972). Letztere Emotion könnten wissenschaftlich arbeitende PsychologInnen empfunden haben, als sie den Artikel einer aktuellen Facebook-Studie über die Übertragbarkeit von Emotionen gelesen haben.

Kürzlich hat eine der renommiertesten wissenschaftlichen Fachzeitschriften (Proceedings of the National Academy of Sciences) eine Studie veröffentlicht, die zeigen soll, dass Emotionen von Person zu Person auch über soziale Medien übertragen werden können (Kramer, Guillory, & Hancock, 2014). Unter der Leitung Adam Kramers, Datenanalyst bei Facebook, wurden bei 689'003 FacebooknutzerInnen der emotionale Gehalt der "Newsfeeds" manipuliert. Die Resultate sind dabei schnell erzählt: Sehe ich als Facebooknutzer emotionale Botschaften meiner virtuellen Freunde, so reagiere ich darauf grundsätzlich häufiger als wenn meine Freunde emotionslose oder emotionsambigue (positive und negative Emotionen gleichzeitig) Botschaften von sich preisgeben. Wenn die emotionalen Botschaften meiner Freunde positiver Natur sind, dann reagiere ich eher positiv als negativ. Veröffentlichen meine Freunde allerdings Botschaften mit negativem emotionalem Gehalt, dann reagiere ich eher mit negativen als mit positiven Antworten.

Ob diesen Resultaten kann man eigentlich nicht wirklich überrascht sein. So wissen wir aus unzähligen früheren Arbeiten, dass emotionale Botschaften eher unsere Aufmerksamkeit erregen und demzufolge auch stärkere Reaktionen bei uns auslösen (für eine Übersicht, siehe Vuilleumier, 2005). Die Idee, dass wir uns dabei von Emotionen Anderer anstecken lassen ist so neu wie die Erkenntnis, dass man bei Regenwetter nass wird.

Überraschung löst bei einigen LeserInnen allerdings die Handhabung ethischer Grundzüge aus. Grundsätzlich sind wissenschaftlich arbeitende PsychologInnen nämlich verpflichtet Versuchspersonen über die Teilnahme an einem Experiment zu informieren (vgl. z.B. Berufsethik Deutscher Psychologinnen und Psychologen). Ein wichtiger Bestandteil dieser Informationen ist, dass Versuchspersonen zu jeder Zeit das Recht haben das Experiment abzubrechen ohne dabei mit negativen Konsequenzen rechnen zu müssen. Die Versuchspersonen unterzeichnen dann eine Erklärung, in der sie angeben, dass sie diese Informationen erhalten und verstanden haben. Wurden während des Experiments experimentelle Manipulationen durchgeführt, so sollten Forscherinnen und Forscher ihre Versuchspersonen im Nachhinein darüber aufklären. Nun haben die Forscher um Adam Kramer ihre Versuchspersonen zu keinem Zeitpunkt informiert oder aufgeklärt. Konfrontiert mit dieser Kritik wird auf die Nutzerbedingungen von Facebook hingewiesen. Dort müssen NutzerInnen zustimmen, dass Facebook das Recht auf preisgegebenen Informationen besitzt und die Informationen selbstständig nutzen darf.

Während sich Adam Kramer und Kollegen nun mit der Debatte über ethische Standards konfrontiert sehen, wird Facebook in den Medien vorgeworfen die Informationen seiner Kunden nicht in deren Interesse zu nutzen. Fakt ist aber auch, dass psychologische Forschung häufig nicht ohne Täuschung oder unwissende Beobachtung auskommen kann und dass Versuchspersonen nicht immer umfassend vor einer Untersuchung aufgeklärt werden können, da sonst die Ergebnisse verfälscht würden. Am Ende bleibt häufig eine schwierige Entscheidungen zwischen erhofftem Nutzen und ethischen Grundsätzen übrig. Nicht zuletzt deshalb wird eine Aufklärung der Versuchspersonen nach Beendigung der Studie als sinnvoll betrachtet.

Quellen:

Ekman, P. (1972). Universals and cultural differences in facial expressions of emotion. In J. K. Cole (Ed.), Nebraska Symposium on Motivation (Vol. 19, pp. 207-282). Lincoln: University of Nebraska Press.

Kramer, A. D., Guillory, J. E., & Hancock, J. T. (2014). Experimental evidence of massive-scale emotional contagion through social networks. Proceedings of the National Academy of Sciences, 8788–8790.

Vuilleumier, P. (2005). How brains beware: neural mechanisms of emotional attention. Trends in Cognitive Sciences, 9, 585-594.