Zu perfekt um sympathisch zu sein?

Es ist dein erster Tag im Job als Dozent:in. Du betrittst den mit Studierenden gefüllten Vorlesungssaal. Auf dem Weg zum Rednerpult stolperst du und verschüttest deinen Tee. Ist der erste Eindruck nun bereits ruiniert? Forschung zum sogenannten Pratfall (dt. „Ausrutscher“)-Effekt legt nahe, dass dieses kleine Missgeschick möglicherweise der beste Start in den neuen Job war, der dir hätte passieren können.   

Normalerweise wollen wir alle gerne in einem möglichst positiven Licht dastehen. Und das nicht nur im Jobkontext. Wir neigen generell dazu, Erfolge zu teilen und Fehler zu verschweigen. Denn was kann schon nachteilhaft daran sein, möglichst kompetent zu wirken? Und ein „zu kompetent“ gibt es doch gar nicht, oder?

Eine Gruppe von Sozialpsycholog:innen schlägt einen etwas differenzierten Blick auf unsere Kompetenz vor. Sie sagt: Sehr erfolgreich wirkende Personen, bei denen auf den ersten Blick keine „Fehler“ erkennbar sind, könnten nach außen hin auch „zu gut“, unnahbar, distanziert oder nicht-menschlich, und dadurch unsympathisch wirken. Hier kommt jetzt das kleine Missgeschick ins Spiel. Was passiert, wenn wir stolpern, uns versprechen oder Tee verschütten? Dieser Frage gingen Elliott Aronson und Kolleg:innen in einer Studie nach. Sie zeigten, dass kleine Missgeschicke hochkompetente Personen sympathischer wirken lassen können (Aronson et al., 1966).

In diesem Experiment zu Eindrucksbildung spielte Aronson den Versuchspersonen eine von vier Tonbandaufnahmen von Personen vor. Jede Versuchsperson wurde zufällig einer von vier Aufnahmen zugeteilt. In zwei Aufnahmen war die Person sehr kompetent und beantwortete 46 von 50 Fragen richtig. In den beiden anderen Aufnahmen war die Person „nur“ durchschnittlich kompetent und beantwortete 15 von 50 Fragen richtig. Am Ende der Aufnahme verschüttete eine der sehr kompetenten und eine der durchschnittlich kompetenten Person ihren Kaffee – ein kleines Missgeschick. Im Anschluss wurden die Versuchspersonen nach ihrem Eindruck von der jeweiligen Testperson gefragt. Das Ergebnis: Am sympathischsten fanden die Versuchspersonen die hoch kompetente Person, der ein Missgeschick passiert war – am wenigsten sympathisch die durchschnittlich kompetente Person, die den Kaffee verschüttet hatte. Das bedeutet: Bei hochkompetenten Personen führte das Missgeschick zu einer statistisch bedeutsamen Erhöhung der Sympathie, wohingegen dasselbe Missgeschick bei einer durchschnittlich kompetenten Person zu einem Abfall der Sympathie führte.

Aronson und Kolleg:innen erklärten den Effekt damit, dass sehr kompetente Personen oft weniger nahbar und menschlich wirken. Das Missgeschick lässt sie menschlicher erscheinen und macht sie dadurch sympathischer. Wenn diese Erklärung stimmt, sollte sich der Effekt vor allem bei menschlichen Akteuren zeigen und nicht etwa bei Robotern. Roboter werden normalerweise nicht als menschlich wahrgenommen, daher sollte ein Missgeschick hier keine positive Wirkung auf die Sympathie haben. Genau das bestätigte eine aktuellere Studie, die den Pratfall-Effekt bei Robotern testete. Die Roboter erledigten eine Gedächtnisaufgabe entweder perfekt oder sie waren vergesslich. Die Vergesslichkeit war in diesem Fall also das „Missgeschick“. Das Ergebnis zeigte: Vergessliche Roboter wurden nicht positiver bewertet als die nicht vergesslichen Roboter. Das passt zu der Annahme, dass der Pratfall-Effekt an wahrgenommene Menschlichkeit gebunden ist (Packard et al., 2019).

Dass sich das Teilen kleiner Fehler oder Rückschläge im Vergleich zu einer rein positiven Selbstdarstellung vorteilhaft auswirkt, konnte auch in einer Studie im Kontext von Unternehmertum gezeigt werden. Wenn Beobachter von Rückschlägen eines erfolgreichen Unternehmers erfuhren, empfanden sie weniger boshaften Neid und mehr gutartigen Neid. Außerdem hielten sie den Unternehmer für weniger arrogant und gleichzeitig für selbstbewusster (Brooks et al., 2019).

Damit zeigt die Studie einen weiteren Grund, warum „zu perfekte“ Personen nicht immer nur positiv bewertet werden: Ihr scheinbarer Erfolg und ihre Unfehlbarkeit können Neid hervorrufen. Das liegt daran, dass Menschen sich automatisch mit anderen vergleichen und den eigenen Status, Fähigkeiten oder Erfolg im Verhältnis zu anderen einschätzen. Solche Vergleichsprozesse beeinflussen also, wie wir andere wahrnehmen.

Wie kann dieser Effekt genutzt und praktisch angewandt werden?

An vielen Universitäten hat sich in den letzten Jahren der „CV of failures“ (deutsch: Lebenslauf der Rückschläge) etabliert (Brooks et al., 2019). Nach außen wirken Professor:innen oft nur erfolgreich – schließlich haben sie sich im harten akademischen System durchgesetzt und eine Professur erreicht. Der Lebenslauf der Rückschläge zeigt jedoch, dass auch diese akademisch extrem erfolgreichen Personen auf ihrem Weg Niederlagen und Misserfolge erlebt haben. Er macht also sichtbar, dass Erfolg oft mit Rückschlägen verbunden ist, die normalerweise nicht gezeigt werden. Genauso sollten andere sehr erfolgreiche Personen, wie beispielsweise Top Manager:innen, auf einer Sympathieebene von so einem Lebenslauf profitieren.

Vielleicht habt ihr das selbst schon mal erlebt: Ihr seid auf dem Konzert eures Lieblingskünstlers, große Bühne, beeindruckende Person – und dann wird der Text vergessen. Ein kleines Missgeschick, dass der Künstlerperson unangenehm ist – aber beim Publikum für Sympathiepunkte sorgt.

Wir merken uns also: „Zu kompetent“ und „zu gut“ scheint es wirklich zu geben. Sympathie, Authentizität oder Glaubwürdigkeit kann unter zu hoher Kompetenz und Perfektion leiden. Kleine Fehler und Missgeschicke sind menschlich und Menschlichkeit ist genau das, was uns sympathisch macht. Falls du also am ersten Tag stolperst, dich versprichst, oder du den Beamer nicht ans Laufen bekommst – nicht verzagen, du hast sehr wahrscheinlich Sympathiepunkte gesammelt und einen besseren Eindruck gemacht, als wenn alles nach Plan gelaufen wäre.

Literaturverzeichnis

Aronson, E., Willerman, B. & Floyd, J. (1966). The effect of a pratfall on increasing interpersonal attractiveness. Psychonomic Science, 4, 227–228. https://doi.org/10.3758/BF03342263

Brooks, A. W., Huang, K., Abi-Esber, N., Buell, R. W., Huang, L., & Hall, B. (2019). Mitigating malicious envy: Why successful individuals should reveal their failures. Journal of Experimental Psychology: General, 148(4), 667–687. https://doi.org/10.1037/xge0000538

Packard, C., Boelk, T., Andres, J., Edwards, C., Edwards, A., & Spence, P. R. (2019). The Pratfall Effect and Interpersonal Impressions of a Robot that Forgets and Apologizes. 14th ACM/IEEE International Conference on Human-Robot Interaction (HRI), 524–525. https://doi.org/10.1109/HRI.2019.8673101

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