Lieber Herr Neuer: Bitte lesen! Torhüter zeigen vorhersagbares Verhalten beim Elfmeterschießen!

Das Verhalten von Profisportlerinnen und Profisportlern im Turnier fasziniert Millionen von Zuschauerinnen und Zuschauern weltweit. Das Elfmeterschießen beim Fußball ist eine besonders spannende Angelegenheit: Man ist Zeuge eines eins-zu-eins Duells, in denen Elitespieler direkt gegeneinander antreten und über Sieg oder Niederlage eines hart erkämpften Unentschiedens entscheiden. Der Ausgang eines solchen Elfmeterschießens kann über Karrieren von individuellen Sportlerinnen und Sportlern entscheiden, und geht mit deutlichen finanziellen Einbußen Seitens der Verlierer einher. In einer solchen Situation sollten Torhüter die effektivsten kognitiven Strategien zur Anwendung bringen, die sie zur Verfügung haben um den Ball zu halten. Aber ist das so?

Diese Frage hat das Interesse der psychologischen Forschung geweckt. Torhüter müssen sich beim Elfmeterschießen aus Zeitgründen für eine Richtung entscheiden, ehe sie die Football in Montral von TMAB2003 via Flickr (https://www.flickr.com/photos/tmab2003/3875673355), cc (https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/)Flugbahn des Balles abschätzen können. Studien zeigen, dass Elfmeterschützen den Ball zufällig mal nach rechts, mal nach links, mal in die Mitte schießen. Die bislang akzeptierte Theorie war, dass auch Torhüter die Richtung zufällig wählen. In einer Studie, die 2014 in dem renommierten Fachmagazin Current Biology erschien, wurde dies in Frage gestellt. Forscher vom University College London untersuchten das Spielverhalten von Torhütern in den 37 Elfmeterschießen, die in den Fußball-Weltmeisterschaften und Europameisterschaften in den letzten 36 Jahren zwischen 1976 und 2012 stattgefunden hatten (Misirlisoy & Haggard, 2014). Dies beinhaltete die Auswertung von 361 Schüssen. Es zeigte sich Erstaunliches: Die Forscher belegten, dass die Torhüter die Richtung nicht zufällig wählten, sondern der sogenannten „Gamblers fallacy“ erlagen. Das Konzept der Gamblers fallacy kommt aus der Spieltheorie. Bei der Gamblers fallacy glaubt man, dass zufällige und voneinander unabhängige Ereignisse einer inneren Regel folgen. Wir kennen das Phänomen vom Münzen werfen. Wenn dreimal hintereinander die Zahl oben liegt, gehen wir stärker als beim ersten Wurf davon aus, beim nächsten Mal müsste der Kopf oben liegen. Dies ist aber eine Täuschung („fallacy“), denn alle Würfe sind voneinander unabhängige und komplett zufällige Ereignisse. Nach drei Würfen, in denen die Zahl oben lag, ist es genauso wahrscheinlich oder unwahrscheinlich, dass beim nächsten Mal Kopf oben liegt, wie beim ersten Wurf. Ähnlich, so argumentierten die Forscher, lassen sich auch die Torhüter während des Elfmeterschießens hinters Licht führen. Torhüter haben eine erhöhte Tendenz, die entgegengesetzte Richtung zu wählen, wenn Elfmeterschützen dreimal hintereinander in die gleiche Richtung geschossen haben als wenn dies nicht der Fall war. Sie glauben (fälschlicherweise), dass es wahrscheinlicher ist, dass der nächste Spieler in die entgegengesetzte Richtung schießt als die drei Schützen vor ihm (Gamblers fallacy). Dies ist aber nicht der Fall, wie die Daten des Forscherteams zudem zeigten: Die Spieler wählten die Richtung tatsächlich zufällig. Die kognitive Strategie der Torhüter, die entgegengesetzte Richtung zu wählen, so die Forscher, ist damit falsch und nicht zielführend.

Diese These löste verständlicherweise hitzige Diskussionen aus. Ein Forscherteam aus Deutschland ging der Sache glücklicherweise noch rechtzeitig vor Beginn der EM nach. Sie überprüften die Theorie in kontrollierten Laborexperimenten und kamen zu dem Ergebnis: in kontrollierten Bedingungen zeigt der Torwart zwar keine erhöhte Wahrscheinlichkeit die Richtung zu wechseln je länger auf eine Seite geschossen wurde. Allerdings hat er die Tendenz, nach jedem Schuss die Richtung zu wechseln (Braun & Schmitt, 2015). Obwohl der Torhüter dieser Theorie zu folge also nicht einer klassischen Gamblers fallacy erliegt, so sah auch dieses Forscherteam einen klaren Fehler des Torhüters in der Wahl seiner Seite. Denn auch dieses Team bestätigte, dass die Spieler keine solche Tendenz zum Seitenwechsel zeigten. Das Forscherteam riet Elfmeterschützen, die erfolgreich sein wollen, daher, immer in dieselbe Richtung wie der Schütze davor zu schießen. Der Torhüter wird dann wahrscheinlich in die falsche Ecke springen, da er dazu tendiert, nach jedem Schuss die Richtung zu wechseln. Ich füge hier in eigener Sache noch hinzu: Lieber Herr Neuer, bitte lassen Sie sich dies durch den Kopf gehen, bevor es zu spät ist!Entdecken Sie Ihre persönliche womöglich falsche Seitenwahl noch heute und retten Sie uns das Sommermärchen von morgen..

Quellen:

Misirlisoy, E., Haggard, P. (2014) Asymmetric predictability and cognitive competition in football penalty shootouts. Current Biology, 24, 1918-1922.

Braun, S., Schmidt, U. (2015) The gambler`s fallacy in penalty shootouts. Current Biology, 25, 597-598.

 

 

 

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