Selbst Schuld!? Wann werden Opfer für ihre Vergewaltigung verantwortlich gemacht?

Die Vergewaltigung und Ermordung einer jungen Studentin in Indien im vergangenen Jahr durch eine Gruppe von 6 Männern erschütterte die Welt und rief Proteste für mehr Sicherheit von Frauen hervor. In Vergewaltigungsfällen wird aber oft auch dem Opfer Schuld an dem Vorfall gegeben. Wieso kommt es gerade bei solchen unverständlichen Gewalttaten dazu, dass Menschen die Schuld bei den Opfern suchen?

“Das Opfer ist genauso schuldig wie ihre Vergewaltiger… Die Täter hätte sie Brüder nennen und sie anflehen sollen aufzuhören. Das hätte ihre Ehre und ihr Leben retten können.“ So äußerte sich Guru Bapu im Dezember vergangenen Jahres zu der Gruppenvergewaltigung einer indischen Studentin (Indian Times, 2013; Übersetzung durch die Autorin). Wie Guru Bapu machen viele Menschen in Vergewaltigungsfällen die Opfer dafür verantwortlich, dass sie vergewaltigt wurden. Die Forscher Steffen Bieneck und Barbara Krahé zeigten, dass Opfern insbesondere dann Schuld an ihrer Vergewaltigung zugeschrieben wird, wenn der Vorfall von der Vorstellung einer „typischen“ Vergewaltigung abweicht. Wenn also eine Vergewaltigung nicht durch einen Unbekannten und unter Einsatz von Gewalt stattfindet. Im Gegensatz dazu werden in solchen Fällen die Täter eher entlastet.

In ihrer Studie ließ das Forscherteam knapp 300 Studierende kurze Beschreibungen von Vergewaltigungsfällen lesen. In diesen Texten wurden Vergewaltigungen beschrieben, bei denen der Täter ein Unbekannter, ein Bekannter oder ein ehemaliger Partner war. Des Weiteren nutzte dieser Täter entweder aus, dass das Opfer betrunken war oder wendete Gewalt an. Kannten sich Täter und Opfer, wurde dem Opfer mehr und dem Täter weniger Schuld an der Vergewaltigung zugeschrieben, als wenn sie sich nicht kannten. Ebenso wurde das Opfer eher für die Vergewaltigung verantwortlich gemacht und der Täter entlastet, wenn das Opfer betrunken war im Vergleich zu, wenn der Täter Gewalt anwendete.

Ein Erklärungsansatz dafür, warum Opfer als mitverantwortlich für ihre Vergewaltigung gesehen werden, ist das Menschen daran glauben möchten, dass die Welt ein gerechter Ort ist. Dieser Glaube gibt Menschen das Gefühl der Kontrolle über ihre Umwelt, da in einer gerechten Welt einer Person nur das wiederfährt, was sie verdient. In dem Opfern Schuld an der Vergewaltigung geben wird, kann die Welt trotz solcher Vorfälle als gerecht wahrgenommen werden (Lerner & Miller, 1978).

 

Quellen:

Bieneck, S., & Krahé, B. (2011). Blaming the victim and exonerating the perpetrator in cases of rape and robbery: Is there a double standard? Journal of Interpersonal Violence, 26, 1785-1797.
The Times of India (2013, January 7). Delhi gang-rape victim as guilty as her rapists, Asaram Bapu says. Retrieved from http://articles.timesofindia.indiatimes.com/2013-01-07/india/36192073_1_asaram-bapu-sharma-and-akshay-thakur-chargesheet
Lerner, M. J., & Miller, D. T. (1978). Just world research and the attribution process: Looking back and ahead. Psychological Bulletin, 85, 1030-1051.

 

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