„Wer Sorgen hat, hat auch Likör.“ (Die Fromme Helene, Wilhelm Busch)

Sich über potentiell belastende Ereignisse in der Zukunft sorgen zu machen, oder, über Belastungen in der Vergangenheit zu grübeln, kann viel Zeit in Anspruch nehmen. Man springt von einem zum anderen Gedanken, ohne eine Lösung zu finden oder dem Ganzen ein Ende setzen zu können. Es fühlt sich so an, als sei man seinen Gedanken hilflos ausgeliefert. Dieses Gefühl der Hilflosigkeit wird oft von anderen negativen Gefühlen wie Angst oder Trauer sowie von körperlicher Anspannung begleitet.

depressed man sitting in a chairIn einer Metaanalyse aus dem Jahr 2016 wurde untersucht, welche Auswirkungen wiederkehrende negative Gedanken (perservative cognition, PC) auf unser Gesundheitsverhalten ("was unsere Gesundheit fördert" vs. "was unserer Gesundheit schadet") haben. Clancy und KollegInnen (2016) berücksichtigten 19 Studien mit insgesamt 35.935 TeilnehmerInnen. Die Forschenden ermittelten jeweils die Effektgrößen, um die Studienergebnisse miteinander vergleichbar zu machen. Die Effektgrößen bildeten die Stärke der Verbindung zwischen PC und unterschiedlichen Formen des Gesundheitsverhaltens ab. Die Analysen legten nahe, dass PC generell mit gesundheitsschädigendem Verhalten assoziiert ist. Im Detail zeigte sich, dass vermehrtes Grübeln mit vermehrtem Alkoholkonsum, Substanzgebrauch, ungesundem Essen und Rauchen einherging. Für das Sich-Sorgen-Machen konnte ein solcher Effekt nicht gefunden werden. Die AutorInnen begründeten dies u.a. damit, dass in den Studien zu unterschiedliche Sorgen-Typen erfasst worden seien (z.B. "Sorgen bezüglich Krebsgefahr" vs. "Sorgen um die allgemeine Gesundheit"). In anderen Metaanalysen konnten jedoch Hinweise für eine Verbindung zwischen Sorgen und der Entwicklung von körperlichen sowie psychischen Problemen gefunden werden (z.B. Verkuil und Kollegen, 2010).

Es ist also davon auszugehen, dass wiederkehrende negative Gedanken mit körperlichen und emotionalen Veränderungen einhergehen, die als sehr unangenehm erlebt werden. Manche Menschen fühlen sich bei der Bewältigung hilflos und überfordert und greifen womöglich auf „leicht verfügbare“ Strategien zurück, die schnell dabei helfen sollen, den drängenden Gedankenstrom zu unterbrechen. Langfristig sind diese Strategien jedoch meist wenig sinnvoll oder sogar gesundheitsgefährdend. So kann auch der Konsum von Alkohol z.B. im Sinne der Selbstmedikation (Sher & Grekin, 2007) eingesetzt werden, um kurzfristig bei der Bewältigung störender Gedanken und Gefühle zu helfen. Ein regelmäßiger Konsum über einen längeren Zeitraum hinweg führt jedoch möglicherweise zu einem problematischen oder gar abhängigen Trinkmuster. Eine große amerikanische Studie (Kessler et al., 1997) konnte zeigen, dass das Vorhandensein von Depressionen (u.a. gekennzeichnet durch Grübeln) und/oder einer Generalisierten Angststörung (u.a. gekennzeichnet durch Sorgen), das Risiko erhöht, eine solche Abhängigkeit zu entwickeln.

Scheinbar kannte auch Wilhelm Busch diese sorgenvollen Momente. Glücklicherweise wandte er sich statt dem Likör dann doch lieber seinen humorvollen Gedichten zu.

Eine Studie am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität zu Köln untersucht aktuell den Einfluss von Alkohol auf störungsspezifische Prozesse wie Gedanken und Gefühle bei Personen mit Depressionen oder Generalisierter Angststörung. Weitere Informationen unter: http://studie.sorgenambulanz.de/.

Quellen:

Clancy, F., Prestwich, A., Caperon, L., & O'Connor, D. B. (2016). Perseverative cognition and health behaviors: A systematic review and meta-analysis. Frontiers in human neuroscience, 10, 534.

Verkuil, B., Brosschot, J. F., Gebhardt, W. A., & Thayer, J. F. (2010). When worries make you sick: a review of perseverative cognition, the default stress response and somatic health. Journal of Experimental Psychopathology, 1(1), jep-009110.

Sher, K. J., & Grekin, E. R. (2007). Alcohol and Affect Regulation. In J. J. Gross (Ed.), Handbook of emotion regulation (pp. 560-580). New York, NY, US: Guilford Press.

Kessler, R. C., Crum, R. M., Warner, L. A., Nelson, C. B., Schulenberg, J., & Anthony, J. C. (1997). Lifetime co-occurrence of DSM-III-R alcohol abuse and dependence with other psychiatric disorders in the National Comorbidity Survey. Archives of general psychiatry, 54(4), 313-321.

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